Donnerstag, 10. September 2009

Obama & Me

Bilder aus der Sklavenhaltergesellschaft: Michael Moores neuer Film "Capitalism: A Love Story" und ein Hauch von Caesarenwahn - Venedig Blog, 7. Folge,

Von Rüdiger Suchsland

Finanzkrise für Zwölfjährige: Ein düsteres Untergangsszenario über Geschichte und Gegenwart der Finanzwirtschaft, insbesondere über die Bankenkrise 2008, ihre Hintergründe und einen "versteckten Staatsstreich" bei den Versuchen ihrer Lösung. Die brisantesten Informationen sind dabei, wie immer bei Michael Moore, gut versteckt: Mehr als alles andere verblüfft die Erinnerung daran, dass zwischen 1936 und 1981, zu Zeiten des größten Wohlstands der USA in den 50er Jahren, höhere Einkommen mit niemals weniger als 70, zum Teil mit bis zu 94 Prozent besteuert wurden!

Spoiler: Michael Moore ist gegen Kapitalismus! Wow!! Die Nachricht des Tages!!! Da hat uns der amerikanische Linkspopulist, der zumindest äußerlich eher so aussieht, wie im Kino der Weimarer Republik noch die Kapitalisten, aber ganz schön reingelegt. Heißt sein neuester Film, der gerade bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere hatte, doch: "Capitalism: A Love Story". Es kann sich aber nur um eine bitter enttäuschte Liebe handeln. Denn so hell wie das Blitzlichtgewitter bei der Premiere, so dunkel ist der Film.

Nachdem ein lustiger Vorspann kurze Überwachungskamerafilmchen aneinanderreiht, die von Banküberfällen aufgenommen wurden, beginnt Moore mit Bildern aus Hollywood-Sandalenfilmen: Das alte Rom, warum ging es unter? lautet seine traditionsreiche Frage. Vom Sklavenhalterstaat ist die Rede, vom Caesarenwahn, von Dekadenz - die Parallele zu Bush meint Moore trotzdem noch in Form von parallel geschnittenen Bildern aussprechen zu müssen, damit auch alle verstehen.

"Capitalism: A Love Story" ist grundsätzlich ein düsteres Untergangsszenario, in dem Moore in gewohnter Weise völlig unzusammenhängende, aber interessante Fakten zu seinem Thema, durcheinander mischt, mit zum Teil altbekannten, zum Teil wirklich ganz originellen Thesen und Einfällen mischt, wie man das ganze Elend ändern könnte. Um dann Grassroots- und Bürgeraufstandsoptimismus zur Lösung aller Probleme zu erklären. Einmal gelingt Moore damit das Paradox, ein inhaltlich eher depressives Bild zu zeigen - das aber im gut gelaunten Tonfall eines Propagandafilms, und verbunden mit der Aufforderung zur Revolution.

Erster Akt: Phänomenologie des Kapitalismus in seinen Folgen

Um sein Panorama zu illustrieren, häuft Moore diverse Beispiele für den Untergang der US-Wirtschaft und die schleichende Enteignung der Bürger auf: Er zeigt Menschen, die aus ihren Häusern vertrieben werden, Folge überhöhter Verschuldung. Für die sind in Moores Film immer nur diejenigen verantwortlich, die die Kredite vergeben, nie die, die sie nehmen. Natürlich sind überhöhte Zinsen unmoralisch, versteckte Zinsen womöglich ein Verbrechen, auch wenn sie über das Kleingedruckte juristisch legal sind. Aber haben Menschen, die sich überschulden, die hundertausende Dollars leihen und ausgeben, obwohl sie im Monat allenfalls ein paar hundert Dollar zurückzahlen können, in keiner Weise Mitschuld an ihrer Lage? Moore scheint das nicht zu denken, aber er argumentiert auch nicht dagegen, er wirft diese Frage überhaupt nicht auf. Und das nervt, nicht zuletzt weil er mit solch' einer simplifiziernden Herangehensweise das viele, was an seinem Film wichtig, gut, und interessant ist, schwächt.
Moore zeigt Leute die klagen: "There is no in between - people who have it all and people who have got nothing." Das stimmt, wird aber auch nicht durch Diskurse über Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich vertieft. Außerdem ist er manipulativ in seiner billigen Sentimentalität.
Moore zeigt ein privatisiertes Jugendgefängnis, das in erster Linie für seine Eigner ein Business ist, weshalb man den örtlichen Richter geschmiert hat, um möglichst viel Nachschub für die Zellen zu beschaffen. Das Ereignis ist zwar aufgeklärt und der Richter längst bestraft - aber dies sei kein Einzelfall, suggeriert Moore zwar einleuchtend aber völlig ohne Beweise.
Moore zeigt Flugzeugabstürze und überschuldete Piloten. Moore zeigt, wie Unternehmen Lebensversicherungen auf ihre Angestellten abschließen, die dann ihnen zugute kommen. Mit dem Tod ihrer Angestellten verdienen die Firmen dadurch mehr Geld als sie mit ihrer Arbeit verdienen. Diese Phänomenologie des Kapitalismus in seinen Folgen bildet sozusagen den ersten Akt des Films.

Zweiter Akt: Die schönen Fünfziger

Der zweite Akt ist eine märchenhafte Reise zurück in die Geschichte. In den fünfziger Jahren als Moores Vater noch bei General Motors arbeitete und Klein-Michael Priester werden wollte, da war alles schön und gut in Amerika. Beethoven 9te Symphonie, vierter Satz, aber nicht "Freude schöner Götterfunken", sondern die Passagen davor, untermalen die Bilder von einer rundum glücklichen Konsumgesellschaft zu Eisenhower-Zeiten. Die Menschen hatten eine sichere Arbeit, vier Wochen bezahlten Urlaub im Jahr, und nur einen Geldverdiener pro Familie, aber viele Kinder.

Moore hätte es gar nicht nötig, hier ein derart heiteres Bild zu malen, in dem weder McCarthy vorkommen, noch der Kalte Krieg, geschweige denn der heiße in Korea, in dem Vietnam und andere unschöne Dinge nur ganz am Rande gestreift werden. Denn diese Passage enthält die vielleicht brisanteste Information des ganzen Films: Zwischen 1936 und 1981, zu Zeiten des größten Wohlstands der USA lag die Steuer auf höhere Einkommen (Income-Tax) mit niemals weniger als 70, zum Teil mit bis zu 94 Prozent im Vergleich zur Gegenwart extrem hoch. Kein Wunder, dass der Staat genug Geld hatte und Wohlstand für alle versprechen konnte.

Der Widerspruch der in diesem heiteren Bild liegt, bleibt leider ausgespart: Will Moore denn in die 50er Jahre zurück? Es gab ja auch Bedingungen für diese schöne heitere Flintstone-Idylle: Ausbeutung, Kolonialismus, Imperialismus, Kalter Krieg. Auch hier ist der Film dümmer, als er sein müsste. Und sollte.

Dann wird Beethoven durch Orffs "Carmina Burana" abgelöst, eine Musik, die vorzugsweise verwendet wird, um Hölle und Weltuntergang zu illustrieren. Auftritt: Ronald Reagan. Der Schurke, der die Steuern senkte. Eine Marionette der Finanzindustrie, ein Knecht in den Händen seines Finanzministers und Stabschefs Don Regan. Hypnosebilder, dazu Hitchcock-Musik von Bernard Herrmann.

In diesem Schwarzweiß-Stil geht es weiter. Immer wieder sieht man irgendwelche bösen Finanzhaie, dann weinen Menschen. Die Citigroup veröffentlicht ihr Papier, in dem sie gegen Demokratie und für einen "plutonomy" und "new aristocracy" wettert. Dann sind die Pfarrer dran. Pfarrer sagen: "Capitalism is a sin!", "Capitalism is evil!", "Capitalism is against the holy books!" Da ist es dann nicht schlimm, die Welt in Gut und Böse zu scheiden.
Natürlich würde Moore jederzeit auch fünf Priester finden, die für den Kapitalismus predigen, Antikapitalismus als Sünde brandmarken, die Börse als Gottesgabe feiern und noch die exakte Bibelstelle nennen könnten, in der Jesus die Einführung von Derivaten fordert.
Dass vielleicht der Abschied vom religiös strukturierten Denken, dass ein Ende des politischen Manichäismus ein Schritt zum Besseren sein könnte, scheint Moore dagegen nie in den Sinn zu kommen. Stattdessen outet sich Moore hier mehr denn je als religiöser Spinner, als einfach nur anders gepolter Cousin von George W. Bush, der in ähnlichen chiliastischen Strukturen einfach nur andere Inhalte verpackt. Ein vormoderner Sektierer.

Widersprechen tut er sich auch: Denn als er ein paar Minuten weiter in seiner Predigt dann auf das Thema Demokratie im Unternehmen zu sprechen kommt, stellt er einen Musterbetrieb in Sachen gleicher Bezahlung vor, um dann zum Fazit zu kommen: "They end up making more money." Geht es also darum? Ist Kapitalismus gut, wenn er nur richtig funktioniert, muss man ihn nur besser machen? Zumindest die Beantwortung dieser Frage sollte man von Moore verlangen dürfen.

Dritter Akt: Die Bankenkrise 2008

Das zentrale Thema ist aber die Bankenkrise 2008. Zu ihrer Bewältigung wurden im Oktober 2008 Gesetze durch den US-Kongreß gepeitscht, durch die der Staat für die Schulden der Wall Street haftbar gemacht wird. Die Demokraten ließen sich dazu breitschlagen. Die Folge: "eine Art versteckter Staatsstreich" lautet Moores Fazit, flankiert von ein paar demokratischen Kongreßabgeordneten.
Moore nennt die Schuldigen, wie Senator Christopher Dodd, erinnert an den "Saving and Loans scandal" der Achtziger, und fragt: Wer wurde reich? Antwort: Robert Rubin, Larry Summers, Timothy F. Geithner. Sämtlich der demokratischen Partei und der Clinton-Administration nahestehend. Sämtlich heute einflußreiche Berater, bzw. im Fall von Geithner Finanzminister der Obama-Regierung. Sämtlich der Goldman-Sachs-Bank nahestehen. Bei Moore ist vom "Government Goldman" die Rede. Robert Rubin war außerdem jahrelang in Diensten der Citigroup - wir erinnern uns: Der Bank der neuen Aristokraten. Als Finanzminister begünstigte Rubin durch Aufhebung des Glass-Steagall Acts die Fusion von Kredit- und Investmentbanken, und ermöglichte damit nicht nur die Gründung der Citigroup, sondern auch die Bankenkrise.
"Government Goldman" - dazu muss man wohl auch noch erwähnen, dass Goldman Sachs der größte Financier der Wahlkampagne Obamas war. Gibt es also auch hier einen großen Puppenspieler? Das fragt Moore einstweilen nicht.

Die Feinde: Manchesterkapitalismus und Neoliberalismus

Stattdessen folgert er, dass Kapitalismus irgendwie unchristlich und unamerikanisch ist, und läuft am Ende des Films in Feelgood-Passagen vor den Banken auf und ab und fragt: "Wo ist unser Geld?"

Konzentriert ist dies zwar alles nun auf Amerika - aber zu Moores Gunsten darf man annehmen, dass das alles nur als Beispiel gemeint ist. Würde Moore mit einer ähnlichen Kombination aus Neugier und Sendungsbewußtsein in Deutschland von Abwrackprämie, Commerzbankeinstieg und Garantien für zahlungsunfähige Unternehmen erzählen, würde er die Politik und die Vernetzungen von Regierungspolitikern untersuchen, dürfte er auch fündig werden. Inhaltlich ist sein Film allerdings kein Angriff auf das Modell des Rheinischen Kapitalismus, für den die Große Koalition steht, sondern auf Manchesterkapitalismus und Neoliberalismus wie er von der FDP verteten wird.

Moore, der im gut gelaunten Unterhaltungstonfall eines Propagandafilms sein depressives Bild mit der kraftvollen frohen Botschaft kombiniert, Wandel sei möglich, war in Venedig der Beifall sicher - Stil und für die breite Masse anstrengende Filmkunst kümmern den amerikanischen Dokustar eher wenig, so richtig auf die Füße getreten wurde hier keinem der Anwesenden, und der Grassroots- und Bürgeraufstandsoptimismus, der im Film die Lösung aller Probleme sein soll, war jedenfalls sympathisch.
Im Interview erzählt Obama dann später, er habe einige Szenen des Films nur für einen einzigen Menschen gemacht... Bedeutungsvolles Schweigen...: für Präsident Obama. Welche Szenen es denn seien? Die über seinen Finanzminister. Die über Goldman-Sachs. Da wird Obama bestimmt was Neues erfahren haben? Mensch, Michael, wenn er das früher gewußt hätte. "Obama und ich"- das ist der heimliche Titel dieses und der kommenden Filme von Michael Moore. Wir dürfen noch auf manches gefasst sein. Und da sind wir dann - Sympathie hin, Argumente her - wieder beim alten Rom, wo Hybris nicht weit weg liegt vom Caesarenwahn.

Mittwoch, 9. September 2009

Israelische Geisterbahnfahrt

Spekulativ und konstruiert: Samuel Maoz "Lebanon" hakt Stationen des Schreckens ab

Von Rüdiger Suchsland

Ein wunderschönes Sonnenblumenfeld, im Hochsommer. Ziemlich lang ist diese erste Einstellung, in der aber auch gar nichts passiert. Man wird sie am Ende des Films wiedersehen.

Dann aber sieht man erstmal gar nichts. Das gleißende Licht des Sonnenscheins ist tiefer Dunkelheit gewichen. Dafür rumpelt und knattert es. Es knarzt. Dann tauchen Gesichter auf, von jungen Männern in Großaufnahmen.

Schnell ist klar: Es handelt sich um eine israelische Panzerbesatzung, und der Filmzuschauer sitzt mit denen im Panzer. Alles spielt am 6. Juni 1982, dem Tag an dem der israelische Feldzug in den Libanon begann. Kurz darauf wird der Panzer die Nord-Grenze überschreiten, man hört die Gespräche der Soldaten, auch den Funkverkehr.

Samuel Maoz erzählt in "Lebanon", seinem israelischem Wettbewerbsbeitrag in Venedig, den Libanonkrieg von 1982 ganz aus der Perspektive einer einzigen Panzerbesatzung. Man steckt in dem Stahl-Kasten drin, ist ausgeliefert. Alles was man sieht ist das Panzerinnere und der Blick durchs Zielfernrohr. Das ist eine Viertelstunde lang aufregend, dann aber schnell ermüdend, und, wenn man zu denken anfängt, bald ärgerlich.

Das liegt zum einen daran, dass hier wie in einer Geisterbahnfahrt die Stationen des Schreckens abgehakt werden. Wie Pflichtübungen, aber vor allem als Gruselkabinett: Ein Pkw mit terroristischen Insassen wird nicht unter Beschuss genommen, dafür dann der mit dem lieben Hühnerhändler. In einem Dorf sieht man tote, versehrte, traumatisierte, verkrüppelte Männer und die Folgen der israelischen Bombardements. Dann eine Frau. Erst wird ihr Mann, dann ihre Tochter getötet, als die Israelis versuchen, jene Araber, die sie als Geisel genommen haben zu töten. Schreien und Verzweiflung genügen nicht, sie verliert auch noch ihre Kleider. Das hat mehr als einen Hauch von Exploitation-Kino.

Hinzu kommt: Die Panzerbesatzung besteht aus lauter lieben Jungs, die viele Skrupel haben, nicht schießen können, wenn es gut wäre, nach ihrer Mami schreien und vor allem nicht schuldig werden wollen. Ist Krieg so? Vielleicht. Gab es das? Bestimmt. Aber bestimmt nicht nur. Wären alle Soldaten so wie diese hier, wäre die israelische Armee seinerzeit jedenfalls nie bis Beirut gekommen. "Lebanon" ist insofern auch eine Beleidigung der Fähigkeiten der Israelis, wie der Intelligenz seiner Zuschauer.

Noch schwerer wiegt: Der Stil des Films. Auf der Soundebene ist die Tonspur völlig übertrieben laut. Andauern macht es Ploink und Bworrrk. Aber ein Panzer 1982 ist nicht Wolfgang Petersens "Boot" von 1941. Offenkundig geht es nicht um Naturalismus - der aber dann wieder behauptet wird -, sondern darum, die Zuschauer zu nerven und unter Druck zu setzen, ein manipulatives Verfahren, das vor allem belegt, dass der Regisseur seinem Stoff nicht wirklich vertraut. Die visuelle Perspektive ist verlogen. Denn der Zuschauer blickt immer nur durchs Zielfernrohr, nie durch den Sehschlitz des Fahrers. Das suggeriert erstens eine einheitliche Perspektive, zweitens, dass alle sähen, was die Kamera zeigt.

Die moralisch-politische Perspektive des Films erscheint doppelzüngig: Einerseits glaubt Maoz sicher aufrichtig, er sei israelkritisch. Und will es auch sein. Andererseits sind es dann im Panzer doch alles liebe Jungs. Und die wahren Arschlöcher und Sadisten die libanesische Falange, Araber also, wenn auch christliche, die für Israel die Dreckarbeit machten. Das mag sogar - wie in "Waltz with Bashir" - den historischen Tatsachen entsprechen. Aber wenn man es sieht, wirkt es dann doch, wie die Soldaten unter unseren Großvätern einst von der deutschen Ostfront erzählten: "Die richtigen Schweine waren doch die Ukrainer! Das waren Sadisten." Mag ja stimmen. Was noch nicht heißt, dass die, die ihnen den Rahmen steckten, sie bewaffneten und einsetzten, keine Schweine waren, und sich nicht schuldig gemacht hätten. So hat "Lebanon" am Ende den merkwürdigen Aspekt, dass hier die Schuldfrage ausgeblendet wird, alles in so allgemeine wie sülzige Traumadiskurse mündet.
Insgesamt ist "Lebanon" also recht spekulativ und sehr konstruiert. Aber da Israel(selbst-)kritik auf Filmfestivals noch populärer ist als Kritik an Amerika, bekam Maoz' Film viel Applaus und dürfte am Samstag durchaus Chancen auf einen "Löwen" haben.

Montag, 7. September 2009

Der Protest im Iran hat einen kritischen Punkt erreicht

Drei Fragen an Shirin Neshat - Venedig Blog, 5. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Die kommenden Tage beim Filmfestival von Venedig stehen ganz im Zeichen des Iran und der "Grünen Revolution" im Juni. Gleich vier Filme kommen aus dem Iran. Im Wettbewerb hat am Mittwoch "Women without Men" Premiere, der erste Kinofilm der Video-Künstlerin Shirin Neshat, der 1953 in Teheran während des von der CIA orchestrierten Militärputsches spielt. Noch brisanter dürfte "Green Days" von der erst 21-jährigen Hana Makhmalbaf werden. Die Regisseurin, jüngstes Mitglied der im Pariser Exil lebenden bekannten Filmfamilie, hatte während der Unruhen im Juni, der "Grünen Revolution" spontan diesen semidokumentarischen Film gedreht.

In einem Vorgespräch antwortete Shirin Neshat auf einige Fragen zu den Verhältnissen im Iran.

Wie schätzen sie die Juni-Proteste ein?

Neshat: In der islamischen Revolution war es noch um Religion gegangen und um Kommunismus. Hier waren die Jungen auf der Straße, 70 Prozent der Bevölkerung, die die Alten weghaben wollten, die Reform wollen. Es ging nicht um den Islam. Mein Eindruck ist, dass sie begriffen haben, dass es nicht genug ist, die wahren Gefühle in seinem Inneren zu tragen. Man muss sie auch nach außen tragen. Was jetzt in den letzten Monaten geschehen ist: Die Menschen haben verstanden, dass man auf der Straße wirklich etwas erreichen kann. Zu Beginn der Proteste haben viele Leute noch gesagt: Was können wir wirklich erreichen? Aber Studentenproteste waren im Iran immer schon sehr einflussreich. Wie auch die Proteste der Emigranten. Und das funktioniert tatsächlich.
Seitdem ist für uns alle die Frage, wie wir die Balance finden zwischen unserer Arbeit als Künstler und unserer sozialen Verantwortung. Aber es ist klar: Wir haben eine Stimme. Und sie kann zählen. Das ist eine sehr interessante Erfahrung auch für mich.
Ich erinnere mich, wie ich direkt nach dem New Yorker Hungerstreik zum Flughafen fuhr, um in Berlin am Film weiterzuarbeiten. Ich habe geheult, denn ich wollte nicht weg. Ich wollte bei meinen Leuten bleiben. Dieser Sinn für Verbundenheit, für Gemeinschaft, für Solidarität, die einigende Kraft des Widerstands gegen diese Regierung hat eine unglaubliche Bedeutung in unseren Leben im Exil bekommen.

In ihrem Film geht es um vier Frauen, die alle aktiv werden. Bei den Juni-Protesten spielten Frauen eine Schlüsselrolle. Ist dies ein modernes Phänomen? Oder hat es seine Wurzeln in der iranischen Kultur?

Neshat: Nun - was jetzt im Iran passiert, ist eine neue Revolution, ein neuer Feminismus. Wenn man die Bilder der letzten Wochen und Monate anguckt, sieht man gleich viele Frauen wie Männer. Und es ist manchmal unglaublich schockierend, wie tapfer, wie mutig sie sind. Sie wagen sich an Orte, vor denen Männer zurückweichen. Aber es ist auch schockierend, wie schön sie sind. Und wie sie ihre Schönheit benutzen!
Sie nutzen die Kraft ihrer Jugend und ihrer Aggressivität. Aber sie haben es auch satt. Sie sind nicht mehr feige. Denn ihr Leben ist die Hölle. Sie haben nichts zu verlieren. Die nach der islamischen Revolution geborenen sind die unglücklichste Generation der iranischen Geschichte. Alles, was sie kennen, sind düstere Zeiten. Die allgegenwärtige Kontrolle der Pasdaran: Kein Recht auf Filme, auf Musik, Kleidervorschriften… Jeder von ihnen hatte in der einen oder anderen Weise schon mal Ärger mit der Polizei. Alles wurde ihnen weggenommen, jede Form von Freiheit. In meiner Zeit hatten wir zumindest bescheidene Freiheiten. Wenn sie heute ihre Häuser verlassen, dann wissen ihre Mütter nicht, ob sie sie je wiedersehen.

Wollen Sie die Premiere in Venedig auch als politische Plattform nutzen?

Neshat: Wir überlegen uns, was wir in Venedig damit machen. Wir sind alle sehr aktiv. Der Protest im Iran hat jetzt einen kritischen Punkt erreicht: Die Regierung hat die Straße mehr oder weniger wieder unter Kontrolle. Wir müssen jetzt genau überlegen, wie es weitergehen soll. Wir müssen Gelegenheiten wie die in Venedig nutzen. Einerseits will ich nicht, dass mein Film instrumentalisiert wird, andererseits will ich nicht, dass seine politischen Anliegen übersehen werden.

Die Menschen können revoltieren!

Michael Moore auf der Pressekonferenz - Venedig Blog, 4. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Rot ist der Teppich auch in Venedig, und obwohl diese Farbe zumindest politisch derzeit nicht gerade in Mode ist, war sie doch dominant am Sonntag, der zum unausgesprochenen Tag der Amerikaner wurde: Festivalboss Marco Müller begrüßte mit den Regiestars Steven Soderbergh, Oliver Stone und Michael Moore die ganz großen Hollywood-Namen mit ihren Filmen im Palazzo de Cinema. Sie machten sich zumindest ein wenig auch für die politische Farbe Rot stark. Oder besser gesagt: Sie formulierten ein paar Selbstverständlichkeiten, etwa Michael Moore auf der Pressekonferenz zu seinem Film: "Das amerikanische Volk muss verstehen, dass es aktiv werden muss. Auch wer Obama gewählt hat, muss trotzdem aktiv bleiben. Demokratie ist kein Zuschauersport. Es geht ums Mitmachen. Wenn wir nicht mitmachen, hören wir auf, eine Demokratie zu sein."
"Ich bin immer wieder überrascht, wie oft - nicht nur in Amerika - die Menschen das Unmögliche möglich machen. Diejenigen, die alt genug sind, um sich zu erinnern, werden wissen: Wer hätte gedacht, dass die Berliner Mauer fällt? Ich nicht. Wer hätte gedacht, dass Nelson Mandela je aus dem Gefängnis kommt, und dass er sogar Präsident von Südafrika werden könnte? In den letzten 20 Jahren ist so vieles passiert, das mich wahnsinnig überrascht hat, dass ich inzwischen glaube, dass alles möglich ist. Die Menschen können revoltieren, auf gute Weise gewaltlos für das aufstehen, das sie für richtig halten."

Sonntag, 6. September 2009

Es war einmal ein Proletarier

Durch die Schrecken schien uns die Sonne der Freiheit: Der Tag der Sowjethymne - Venedig Blog, 3. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Die schönste Nationalhymne nach der in dieser Hinsicht unschlagbaren "Marseillaise" ist ohne Frage die Hymne der Sowjetunion, die "Gimn Sowjetskowo Sojusa". Zumindest musikalisch. Glücklicherweise können die wenigsten Russisch, so dass der Text nicht weiter stört. Außerdem wird der alle paar Jahrzehnte geändert.
Der Samstag war in Venedig nun ohne Frage der Tag der Sowjethymne. Gleich in vier verschiedenen Filmen war das Lied zu hören, und drei Mal im alten Text, in dem auf den universal gültigen Zweizeiler "Durch die Schrecken schien uns die Sonne der Freiheit, Und Lenin der Große erleuchtete uns den Weg." dann auch noch folgt "Uns erzog Stalin – zur Treue zum Volk, Zu Arbeit und Heldentaten regte er uns an!"
Der erste Film muss dabei nicht weiter beschäftigen, der war eh ein Kurzfilm, Animation, und da er "Sputnik 5" hieß und von der gleichnamigen Weltraummission aus dem Jahr 1960 erzählte, darf uns das Lied auch nicht weiter verwundern. "Sputnik 5" war eine Art sowjetische Space-Arche-Noah: Besetzt mit zwei Hunden, Hühnern, Spinnen, ausgewählten Bakterienkulturen drehte man sich auf den Spuren des heroischen Opfergangs der Hündin Laika ("Sputnik 2", 1957) 18 Mal im schwerelosen Raum um die Erde, und landete anschließend wohlbehalten auf der Erde - die erste Weltraummission, die ein kompletter Erfolg war. Hunde jaulen darin die Sowjethymne, Mäuse singen sie - ein lustiger Vorfilm für den italienischen Film "Cosmonauta": In dessen Zentrum steht ein Mädchen, dass im Jahr 1963 Mitglied in der Jugendorganisation der PCI (der italienischen Kommunisten) ist, und außer für die russische Weltraummissionen, besonders die Kosmonautin Valentina Tereschkowa, die erste Frau im Weltraum und Nikita Chruschtschow auch für verschiedene PCI-Genossen schwärmt. Insgesamt mischt der Film konventionelle Coming-of-Age-Motive mit kommunistischer Spaßguerilla, und zeigt nicht nur, wie sowjetische Technologie die Gesetze der Schwerkraft überwindet, sondern auch, wie reaktionär die Genossen in der Geschlechterfrage blieben: Sex wird zur Waffe im Mobbing, da hilft auch der Gedanke der Völkerfreundschaft nicht weiter.

Nur bitter ironisch ist es zu verstehen, wenn die chinesische Regissseurin Guo Xiaolu die Sowjethymne spielt - übrigens in einer englischen Version: Ihr Film "Once Upon a Time Proletarian: 12 Tales of a Country", auf den wir an dieser Stelle noch zurückommen werden, ist ein fabelhaft gemachtes, hochinteressantes Gesellschaftportrait Chinas in Zeiten seines hypermodernen Aufbruchs. "Durch die Schrecken schien uns die Sonne der Freiheit", das ist hier die böse harte Freiheit eines Kapitalismus, der alle Zusammenhänge zerstört.

Bei Michael Moore dagegen, so muss man fürchten, ist das Versprechen ernst gemeint, und seine Verwendung der Sowjethymne womöglich eine versteckte frohe Botschaft. Mit frohen Botschaften jedenfalls hat es der Regisseur von "Bowling for Columbine" und "Fahrenheit 9/11", das ist ja gerade das Paradox seiner Dokuessays die inhaltlich bekanntlich ein eher depressives Bild zeigen - aber eben im gut gelaunten Tonfall eines Propagandafilms, und verbunden mit der Aufforderung zur Revolution. Die bildet auch den Schlussakkord von "Capitalism: A Love Story", in der Moore in gewohnter Weise völlig unzusammenhängende, aber interessante Fakten zu seinem Thema, hier also Geschichte und Gegenwart der Finanzwirtschaft durcheinander mischt, mit zum Teil altbekannten, zum Teil wirklich ganz originellen Thesen und Einfällen mischt, wie man das ganze Elend ändern könnte. Vielleicht ist der Grassroots- und Bürgeraufstandsoptimismus, der im Film die Lösung aller Probleme sein soll, etwas wohlfeil, zumal in dem naiven Ton, in dem er vorgetragen wird, aber er macht sich jedenfalls gut - und die Sowjethymne passt dazu perfekt.

Samstag, 5. September 2009

The Good, the Gay and the Ugly



…und das am frühen Morgen: Mysterien der Liebe von Patrice Chéreau - Venedig Blog, 2. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Szenen in einem Pariser U-Bahn-Waggon: Eine Frau bettelt die anderen Fahrgäste an: "1 Euro". Einem blickt sie ins Gesicht: "Arschloch". Eine andere Fremde bekommt unvermittelt Schläge ins Gesicht. Die Welt ist schlecht und ungerecht. Hässliche Menschen sind hässlich zu Menschen in diesen ersten Minuten von Patrice Chéreaus neuem Film, gleich am frühen Samstagmorgen im Wettbewerb von Venedig. Die Handkamera zeigt Erniedrigte und Beleidigte, die neuen Miserables von Paris, zeigt viel Leiden und Dreck, immer wieder. Bis zum Schluss sind der Dreck und das Leiden sehr schön in Szene gesetzt, manchmal richtig lackiert. "Ich weiß nicht, wie ich es schaffe" sagt ein Freund zum anderen. Und wir im Publikum sollen mitleiden. Das sind so die Filme, die am Ende Preise kriegen.

Eigentlich eine Menge Klischees für die wenigen Minuten, die der Film erst dauert: Die Armen, die im Dunkel, die wir nicht sehen, und im Licht des Beleuchters die Intellektuellen in einem Rive-Gauche-Café. Die klugen starken Frauen, und die schönen Männer, alle mit ihren gleich langen Dreitagebärten wie Poster aus einem Schwulenmagazin. Der einzige, der da rausragt ist der, der im Film wirklich schwul ist: Jean-Hugues Anglade spielt ihn als coolen Schweiger, wie aus einem Italo-Western. Es gibt auch noch einen sanften Schwarzen, den alle mögen, der mit seiner Sanftheit, seinen vielen humanen Dialogsätzen und seiner Zurückhaltung, auch nur rassistisches, philo-negroides Klischee ist.
Ansonsten sind die Wohnungen hier provisorisch, und das Leben im Zweifel etwas nachlässig und etwas schmutzig. Dauert stolpert einer, lässt einer Bierflaschen, Weingläser oder Milchtüten fallen, ohne danach aufzuwischen, dauernd geht irgendetwas zu Bruch. Nur Symbol ist das alles natürlich für die Unachtsamkeit, die die Menschen auch in ihrem Gefühlen an den Tag legen, ihrem Leben überhaupt.

Daniel, einer der schönen Dreitagebart-Männer ist unser Held. Er ist ein Narziss des Unglücklichseins, der sich aber auch alles so wahnsinnig zu Herzen nimmt. Er ist ein Arschloch, das sagt nicht nur die Bettlerin vom Anfang, das sagen auch die Leute die er so kennen lernt, und denen er gern den Abend vermiest, das sagen auch die Freunde von Sonia, seiner Freundin. Daniel verdient seinen Lebensunterhalt, indem er Wohnungen renoviert, schwarz vermutlich. Er gibt Freunden gern altkluge Ratschläge, er weiß immer, wo es lang geht, außer in seinem eigenen Leben. Was er "eigentlich" genau tut, weiß man nicht, wahrscheinlich ist er "eigentlich" ein Künstler.
Seit einiger Zeit wird Daniel von einem Stalker verfolgt. Das ist eben jener namenlose Fremde, den Anglade so eindrucksvoll cool-lakonisch spielt. Der steht immer mal wieder in Daniels Zimmer und erklärt ihm seine Liebe: Absolut, ohne Reserve, völlig verwundbar.

Das wirklich Interessante an "Persecution" ist die Liebesgeschichte zwischen Sonia und Daniel, ist ihr Verhältnis. Das ist unkonventionell, nicht nur, weil Daniel gewissermaßen die Frau in der Beziehung ist. Zumindest verhält er sich so, wie sich in Filmen meistens die Frauen verhalten: Eifersüchtig, sprunghaft, irrational. Und sie, so wie die Männer: Rational, beruhigend, ein workaholic, der sagt, sie brauche Zeit zum Alleinsein.

Es gibt in diesem Teil der Erzählung viele lohnende Aspekte, und kleine Beobachtungen, Bemerkungen. Etwa die Daniels zu einem Freund: "Ich denke, sie hat einen anderen. Sie ist zu ruhig. Leute, die etwas zu verbergen haben, sind so wie sie." Der Film handelt von den Missverständnissen, die sich in Beziehungen auftun, wenn alle von außen etwas sehen, was man in der Beziehung nicht sieht - oder umgekehrt. Und er fragt danach, wie wichtig es ist, dass einen einer "braucht". Daniels Problem mit Sonia: "She doesn't need me. She doesn't miss me." Und der Stalker braucht ihn. Aber das hilft hier nicht. So gern man Anglade zusieht, so sehr ist diese schwule Randgeschichte eine Schwäche dieses Films: Dass Sonias Konkurrent keine Frau ist, macht die Konkurrenz schwächer.

Jenseits der Liebesgeschichte aber, die nicht genug im Zentrum steht, bietet "Persecution" ein bisschen zuviel von allem. Und das ein bisschen zu uninteressant: Daniels Leben, seine Beziehung, sein Charakter, das Leiden überall, die ganze Stimmung. Auch die ist apokalyptisch auf ihre Art, und passt, nimmt man sie als Portrait westlicher Decadènce, insofern zu vielem, was hier an den ersten Tagen in Venedig bereits zu sehen war. Aber auch diese Diagnose, wenn sie denn eine ist, wird nicht auf den Punkt gebracht. Stattdessen setzt Cheréau immer noch einen mehr drauf: Daniel pflegt Alte in einem Heim. Er erzählt die Geschichte von seinem Vater, der das Leben nur ertrug, weil er heimlich gebetet hat. Und zwar zweimal am Tag: Eine Stunde morgens, eine Stunde abends. Geht Daniel auf der Straße, sieht er noch einen Krankenwagen, der gerade jemand abholt. Dann ein Motorradunfall... Sollen wir Mitleid haben? Sollen wir auch beten? Hat Cheréau womöglich Probleme mit dem eigenen Altern?

So übersteht man diesen Film nur mithilfe seiner vielen kleinen nützlichen Lebensweisheiten. Etwa diese: "Never drag in in a womens room, you know. You never know, what you will find." Und diese: "You can get tired of people and leave them. There are many ways of leaving." Oder man denkt angesichts der vielen provisorischen Wohnungen mal wieder an den guten alten Rilke: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr..."

Am Ende dieser mit höchst fragwürdigem Musikeinsatz untermalten Geschichte über das Sich-Verfehlen spielt Cheréau dann "Mysteries of Love" von David Lynch und Angelo Badalamenti. Das ist ja vielleicht ein ganz gutes Schlusswort.

Freitag, 4. September 2009

Wer ist Werner Herzog?

Lucky Lieutenant - Werner Herzog zieht mit gleich drei Filmen gegen den Rest der Welt und Abel Ferrara wünscht ihn zur Hölle - Venedig Blog, 1. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Das hatte es auch in der Erinnerung sehr erfahrener Besucher der Filmfestspiele von Venedig noch nicht gegeben: Dass ein Regisseur mit gleich zwei Spielfilmen im Wettbewerb um den Goldenen Löwen vertreten ist, und dann noch am gleichen Tag: Doch Werner Herzog hatte schon immer einen Hang zum Skurrilen, und so passte es ganz gut, dass der deutsche Regisseur an diesem Freitag das sonderbare Kunststück schaffte.

Dabei hätte der eine Film eigentlich schon genügt, um Herzog, seit seinen Filmen "Aguirre" und "Fitzcarraldo" der international am stärksten verehrte, lebende deutsche Filmemacher - ja, eindeutig vor Wim Wenders -, fast zehn Jahre nach seinem letzten Spielfilm wieder zurück auf die große Kinobühne zu katapultieren: "The Bad Lieutenant" heißt sein neuer Film - ja, genau, wer jetzt stockt, weil ihm das sonderbar vertraut vorkommt, liegt ganz richtig: Ein Remake des schnell berühmten, aber immer umstrittenen Films des Italoamerikaners Abel Ferrara aus dem Jahr 1992, ein katholisches Drama in ebenso opulenten, wie manierierten Bildern, in dem Harvey Keitel einen korrupten, drogensüchtigen New Yorker Ermittler spielt.

"Nein, auf keinen Fall ein Remake" behauptet Herzog, und stellte sich vor der versammelten Weltpresse in Venedig konsequent dümmer als er ist: "Wer ist denn dieser Abel Ferrara? Ist er ein italienischer Regisseur? Franzose? Ich habe keinen einzigen Film von Ferrara gesehen." Vorausgegangen war der gestrigen Premiere schon in den letzten Wochen ein heftiger und ziemlich bösartiger Schlagabtausch zwischen beiden Regisseuren via Medien: "Ich wünsche diesen Leuten, dass sie in der Hölle sterben" sagte Ferrara, offenkundig wenig amüsiert, "Ich hoffe, sie sitzen alle im gleichen Auto und fliegen in die Luft."

Wer nun Herzogs Film gesehen hat, nimmt ihm die naive Pose keine Sekunde ab - Herzogs Film ist natürlich ein Remake, wenn auch in Atmosphäre und Haltung, auch im Stil völlig anders. So ähnlich sich die Figur ist - bei Herzog gespielt von Nicholas Cage -, und einzelne Szenen, so unterschiedlich ist die Story: Aus Ferraras Reise in den Abgrund macht Herzog eine Erlösungsgeschichte: Sein Lieutenant läutert sich, und kommt mit des Zufalls (oder Gottes?) Hilfe heil von seiner Höllenfahrt zurück - als besserer Mensch. Der Alptraumtrip endet mit einem Happy End, und was anfangs viel europäisches Flair geatmet hatte, endet als ein konventioneller amerikanischer Film – wer hätte ausgerechnet dies von Werner Herzog erwartet? Das ist sympathisch und schön anzusehen. Zugleich bleibt bis nach dem Abspann etwas unklar, warum Herzog eigentlich gerade diese Geschichte erzählt hat.

Zwischendurch entfaltet "The Bad Lieutenant" einige Intensität. Ein post-Katrina-Film, angesiedelt in New Orleans. Es gibt sehr schöne Bilder und Momente: Eine Schlange, die durchs Wasser schlängelt, Leguane in den Wohnungen, ein Zusammenstoß zwischen einem Autor und einem Alligator - das sind Bilder, die im Kopf bleiben. Oder Cage, nach einer Verhaftung: "I love it. I just love it."Überhaupt spielt Cage im Vergleich zu manch anderem Auftritt für seine Verhältnisse zurückhaltend. Aber anfangs dauert es lange, zu lange, bis alles in Fahrt kommt, und gegen Ende zerbricht der Film dann ziemlich in seine Einzelteile.

Nach diesem mit einer so ausgewogenen wie zurückhaltenden Mischung aus leisem Beifall und leisem Buh bedachten Film gab es am späten Abend noch den ersten von zwei "Überraschungsfilmen": "My Son, My Son, what have ye done". Laut deutschem Verleih (Kinowelt) handelt es sich dabei um einen "Thriller über einen mysteriösen Mord und seine Hintergründe". Hauptrollen spielen Michael Shannon (oscarnominiert für seine Nebenrolle in "Revolutionary Road") Willem Dafoe, Chloë Sevigny und Grace Zabriskie. Und David Lynch fungiert als ausführender Produzent. Was von alldem zu halten ist, und wie es sich ansieht, darüber morgen mehr.