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Samstag, 12. September 2009

Gemeinsamkeit Orient

We agree to disagree: Der israelische Film "Lebanon", die Iranerin Shirin Neszad und Fatih Akin gewinnen beim Filmfestival von Venedig - Venedig Blog, 16. Folge

Von Rüdiger Suchsland

"Wer sich selbst und andere kennt/ Wird auch hier erkennen:/ Orient und Okzident/ Sind nicht mehr zu trennen." (Goethe: "Westöstlicher Diwan")

Ein Silberner Löwe für den in Deutschland produzierten, im Iran spielenden Film "Women Without Men" von Shirin Neshat, der Juryspreis für Fatih Akin, der Kritikerpreis für Jessica Hausners, auch in Berlin produzierten "Lourdes" - man könnte sagen, dass es diesmal ein deutscher Abend war, als am Lido von Venedig die Preise verliehen wurden. Aber ganz so einfach liegen die Dinge nicht, und die Preise vom Samstag erzählen noch einiges mehr.

"Was für eine feige Jury!" - so Josef Schnelle vom Deutschlandfunk, "Ich finde es auch immer falsch, wenn Preise nach politischen Kriterien vergeben werden." sagte Carlos Gerstenhauer von "BR kinokino". Beide sprachen nur stellvertretend für viele die Enttäuschung ihrer Kollegen aus.

Wenn Jurys sich nicht einigen können, flüchten sie sich in Politik und Unterhaltung. Die Filmkunst bleibt dann zumindest zum Teil auf der Strecke. Genau dieses Bild prägt die Entscheidungen vom Samstagabend: Man tritt weder Samuel Maoz israelischen Wettbewerbsbeitrag "Lebanon" noch Shirin Nesats im Iran spielenden "Women Without Men" zu nahe, wenn man unterstellt, dass es vor allem die hier berührten brennenden politischen Themen - der Nahostkonflikt und die innere Unfreiheit im Gottesstaat Iran - waren, die die Preise für sie motivierten. Und Fatih Akin war, auch das ist deutlich erkennbar, für den Feel-Good-Part zuständig. Gegen alle drei Preise ist an sich wenig zu sagen, aber alle drei sind Kompromisse, oder juryinterne Deals - zu offenkundig fehlt dem Gesamtbild, wie auch den anderen Auszeichnungen am Ende des diesjährigen Wettbewerbs irgendeine innere Linie oder zwingende Gemeinsamkeit - im Gegenteil: Der engagierte, überhitzte, offen politische Traumata berührende "Lebanon" und der ruhige, distanziert erzählte, gewollt stilisierte magische Realismus von "Women Without Men" und schließlich die aus der Hüfte geschossene geniale Albernheit eines Fatih Akin haben aber auch so gar nichts miteinander gemeinsam.
Bzw. gibt es doch eine Gemeinsamkeit. Sie heißt "Orient", genauer "Orientalismus": Laut Edward Said ein eurozentrischer, westlicher Blick auf die Gesellschaften des Vorderen Orients bzw. die arabische Welt, ein heimliches Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Orient.

Mit dem Goldenen Löwen ging der Hauptpreis an Samuel Maoz israelischen Wettbewerbsbeitrag "Lebanon". Eine wichtige Auszeichnung für diesen Film war zumindest erwartet worden. Dass es gleich die allerhöchste werden würde, damit hatten viele nicht gerechnet: Zu schockierend sind die Bilder des Films, zu experimentell wirkt seine Herangehensweise.

Was an den Entscheidungen zumindest verwundert und ärgert: Dass - bis auf Neshat - konsequent alle Filme leer ausgingen, die in irgendeiner Weise filmisches Neuland betraten, künstlerisch kontrovers waren: Für Jessica Hausners "Lourdes" gab es immerhin noch den Preis der Kritikerjury, die drei ästhetisch atemberaubendsten, intellektuell herausfordernsten Wettbewerbs-Filme von Claire Denis, Brillante Mendoza und Vimukhti Jayasundara gingen völlig leer aus - das war dann doch etwas zu wenig Kunst. Oft genug war es umgekehrt, gerade in Venedig: Da war der Wettbewerb eher schwach, die besten Filme in den Nebenreihen, und plötzlich rettete am letzten Tag eine weise Jury mit klugen Entscheidungen das Festival. Diesmal war der Wettbewerb stark, das Publikum allgemein überaus glücklich mit dem Programm - nur die Juryentscheidungen am Ende regten viele auf.

"Und mag die ganze Welt versinken,/ Hafis, mit dir, mit dir allein/ Will ich wetteifern! Lust und Pein/ Sei uns, den Zwillingen, gemein!/ Wie du zu lieben und zu trinken,/ Das soll mein Stolz, mein Leben sein."
Eine kuriose Information am Rand: Der Siegerfilm war sowohl vom Festival von Berlin, wie von dem in Cannes abgelehnt worden - auch im Nachhinein eine richtige Entscheidung. Auch um Fatih Akin gibt es entsprechende Gerüchte in Bezug auf Cannes. Akin selbst allerdings, auch das soll hier nicht verschwiegen werden, legt nachdrücklich Wert auf die Feststellung, er habe den Film der Auswahlkommission von Cannes gar nicht gezeigt.

Goldener Löwe für Claire Denis!

Meine persönlichen Preise in Venedig und allerlei Spekulationen - Venedig Blog, 15. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Wenn ich Bundestrainer wäre... würde Hildebrand im Tor stehen. Und wenn ich die Jury in Venedig wäre, wäre klar, wer heute Abend den Goldenen Löwen gewinnt: Claire Denis und "White Material" natürlich. Vor Brillante Mendoza mit "Lola".
Beides hervorragend, intelligente wie sinnliche Filme. "Lola" ist versteckter klug, subtiler intellektuell. Der Film kommt ganz sachte und beiläufig, wie ein naturalistischer Dickens daher. "White Material" ist komplex und kompliziert, mäandernd und verwoben, wie so oft bei Claire Denis. Darum liebt man sie. Ein Puzzle, dessen Bedeutung, dessen Gesamtbild sich erst mit der Zeit entfalten. Denis' Film ist ganz offen genial, offen intellektuell - was natürlich anti-intellektuelle Reflexe auslöst. Kaum zu glauben, dass dieser Film eine Mehrheit der Jury gewinnen könnte.

Hier meine persönlichen Preise:

Golden Lion for best film
Claire Denis für "White Material"

Silver Lion for best director
Brilante Mendoza für "Lola"

Special Jury Prize
Jessica Hausner für "Lourdes"

Coppa Volpi for Best Actor
Sergio Castellito

Coppa Volpi for Best Actress
Das vierköpfige Hauptdarstellerinnen-Ensemble von "Women Without Men".

"Osella" for Best Technical Contribution
Martin Gschlacht für die Kamera in "Lourdes" und "Women Without Men"

"Osella" for Best Screenplay
Todd Solondz für "Life After Wartime"


Aber wer gewinnt wirklich?

"Wir hoffen auf das Beste und bereiten uns auf das Schlechtete vor." sagt Philipp vom Weltvertrieb "Match Factory", die mit "Soul Kitchen" und "Lola" im Wettbewerb vertreten sind.

Keine Frage, dass "Lourdes" und "Libanon" unter den Kritikern hoch gehandelt werden. Im italienischen Kritikerspiegel führt überraschenderweise "Life After Wartime". Aber wer da vorn liegt, gewinnt am Ende nie. Hinter Solondz dann Moore, Akin und "Lebanon." Abwarten.

Eigentlich gewinnt auf Festivals nicht wirklich große Kinokunst. Preise wie der für "Elephant" 2003 in Cannes sind die absolute Ausnahme. Eigentlich gewinnt immer ein Film, der eine klare Geschichte hat, und dessen Geschichte sich in zwei Sätzen erzählen läßt. Ein Film, der grundsätzlich human ist, bis zur political correctness, vielleicht auch etwas sentimental, nicht zu schrecklich und boshaft und provozierend. Ein Film, der politisch brisant oder besser noch "bedeutend" ist.

Das deutet auf "Lebanon" von Samuel Maoz hin, es sei denn, der ist der Jury doch zu schmutzig und hart. Vielleicht noch Brillante Mendozas "Lola", es sei denn, der ist der Jury dann doch zu wenig plakativ politisch.
Das spricht gegen Todd Solondz für "Life After Wartime" und "Lourdes" von Jessica Hausner. Aber "Lourdes" hat bereits zwei Preise gewonnen: Den Preis der Internationalen Filmkritik "fipresci" und den Preis der "Signis"-Jury, der Kirchen. Letzterer war bei dem Thema wohl unvermeidlich.

Ein Preis für Shirin Neshats "Women Without Men" würde mich eigentlich überraschen. Es gibt viel Respekt für den Film, aber keine Liebe. Und der Rest, auch Akin, auch Herzog: Ferner liefen...

Philippinische Gerechtigkeit

The Philippines according to Grandma: "Lola" von Brillante Mendoza - Venedig Blog, 14. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Manila, die Hauptstadt der Philippinen ist der Schauplatz. Es regnet permanent, ein starker Wind pfeift, und beides wird in diesem Film kaum je aufhören. Eine alte Frau geht mit einem kleinen Jungen durch die Stadt. Zuerst in eine Kirche. Dann, wieder draußen, versuchen sie eine Gedenkkerze anzuzünden. Im Wind und Regen ist das ein schweres Unterfangen. Jay-Jay, der kleine Junge, der den Schirm schützend gegen den Wind halten soll, stellt sich dabei nicht gerade geschickt an. Minutenlang dauert es, mit der Geduld eines Bresson präzise eingefangen von der Handkamera. Dieser Anfang schon zeigt die ganze Meisterschaft des Regisseurs Brillante Mendoza. Die Kamera zittert selbst leicht, macht dadurch die Anstrengung, die Nervosität, die in dem an sich banalen Vorgang liegt, spürbar, und baut beiläufig jene Atmosphäre auf, die den Film prägt. Menschen in Not, Menschen die schwach sind, Anstrengung, die in jeder der langsamen und umständlichen Bewegungen der alten Frau enthalten ist, genau wie die Energie die diese Alte mit ihren vermutlich über 80 Jahren noch hat. Nichts passiert, werden manche sagen, alles passiert, erkennt man, wenn man hinguckt.

An den Mauern sieht man Graffiti, die man nicht lesen lann, man hört den Lärm der Großstadt im Hintergrund, man sieht Regen, spürt die Feuchtigkeit, die Kälte des Windes. Natürlich liegt ein großer Reiz der Filme Brillante Mendozas, nicht der einzige und auch nicht der wichtigste, darin, dass man in ihnen sehen kann, wie es eigentlich aussieht auf den Philippinen, ahnen kann, wie es sich vermutlich anfühlt, hier zu leben. Man glaubt Manila zu riechen, zu schmecken, man glaubt selbst dort zu sein.

Weiter bewegen sich die Alte und der Kleine in real time, die reale Langsamkeit ist, durch die Stadt. Nur wenige Filmminuten sind vergangen, und wir sind ganz drin. Sie nehmen einen öffentlichen Kleinbus. Wir hören, was die Leute im Bus so reden. Eine Frau spricht am Cellphone über ein bevorstehendes Job-Interview. Der Wagen fährt weiter. Plötzlich eine schnelle Bewegung, kaum begreift man, was geschieht, die Frau schreit, ein Mann stürzt aus dem Wagen, zwei, drei andere hinterher, "my bag, my bag" - ein Taschendieb hat ihr Tasche und Mobiltelefon entrissen. Vor zwei Jahren hat Mendoza mit "Tirador" (seinerzeit im Berlinale-Forum) die Welt der Taschendiebe dargestellt, jetzt zeigt er die andere Seite. Dass hier immer alles passieren kann, darauf hat er die Zuschauer hiermit auch vorbereitet.

Die Kamera drängt mit aus dem Bus, streift im Vorübergehen, wie die Alte den Kleinen schützend festhält, geht auf den Taschendieb, zeigt, wie Passanten ihn zusammenschlagen. Spontane Selbstjustiz der Straße. Angst in seinem Blick, Wut in den Augen der anderen. Dann geht es weiter, wir bleiben an der Seite der alten Frau.

Die Bedeutung dieser überaus clever eingebauten Episode, die keineswegs so beiläufig ist, wie sie scheint, zeigt sich erst später. Im Rückblick entpuppt sich alles als listige Reflexion von Gerechtigkeit, und als Verdoppelung des Ereignisses, das die Geschichte dieses Films überhaupt ausgelöst hat - wie wir aber erst gleich erfahren.

Jetzt sind die Alte und der Kleine bei einem Sarghändler. Eine andere Frau, die die Enkelin der Alten ist, und die Mutter von Jay-Jay, ist hinzu gekommen. Der Sarghändler führt die verschiedenen Modelle vor: Die Preise nehmen ab, die Sargmodelle sehen sich zum Verwechseln ähnlich. 14.000 Pesos, 12.000, 10.000, "Beerdigung inbegriffen" sagt der Händler, "das ist zu teuer für uns" sagt die Enkelin, man landet bei 8.000 Pesos, 117 Euro.

Die Alte geht, von der Kamera verfolgt, in einen anderen Raum. Dort liegt eine Leiche. Wer ist gestorben? Jetzt erfahren wir's: Ihr Enkel. Sie wischt sich eun paar Tränen vom Gesicht, holt ihren Urenkel ein, der auf die Straße gelaufen ist. Dann geht es zur Arbeitsstelle des Enkels, ein Sicherheitsunternehmen, "Condolences" sagt eine Frau, dann zur Polizei, immer noch im Regen, immer noch mit dem Urenkel an der Hand. Bei der Polizei erfährt man mehr über den Todesfall: "His Cellphone was snatched ... he was stabbed on the bridge...", der Mörder sei bereits gefunden. Als die Alte das Gebäude verläßt, kreuzt sich ihr Weg mit dem einer anderen alten Frau. Jetzt folgt die Kamera ihr, und bald begreifen wir: Die zweite Alte ist die Großmutter des Mörders.

"Lola", der Filmtitel heißt "Großmutter" auf Tagalong. Lola Sepa ist die Großmutter des Opfers, Lola Puring die des Täters. Jetzt hört der konsequente Realzeitansatz auf, obwohl Mendoza immer wieder zu ihm zurückkehrt, aber die Zeitsprünge werden größer. Man sieht die Familie, die Beerdigung wird geplant, Lola Sepa lehnt ein Trauerbuch ab - "we don't need that, we don't have enough visitors to sign that." -, und es fällt einem ein, dass es eigentlich immer um Familien geht in Mendozas Filmen. Trotz des Mordes herrscht unter den Familienangehörigen keine Trauer, sondern eher eine gewisse Heiterkeit. Die Alte hat weitere Behördengänge zu erledigen, und der Film zeigt, wie Menschen hier als Spielmaterial hin und hergeschoben werden.

Es kommt zum ersten Gerichtshearing. Beide Großmütter begegnen sich, die Kamera zeigt, wie Lola Sepa verzweifelt eine Toilette sucht, nicht findet, und verzweifelt im Gang steht, während Urin an ihren Beinen herunterrinnt. Lola Puring, die ihrem Enkel helfen will erhält den Rat: "My advice is to settle it amicable". Dieser Verzicht auf öffentliche Anklage im Fall einer Einigung der Familien ist in den Philippinen offenbar selbst bei Mord möglich, vermutlich, weil die Gefängnisse überfüllt sind, und die Regierung denkt, dass dann das Geld immerhin zu etwas gut ist, und dass der Täter der öffentlichen Kasse nicht zur Last fällt.

Im Folgenden parallelisiert der Film unter ständigen Perspektivwechseln die beiden Großmütter, beide aus der Armenschicht, sie haben mehr gemeinsam, als sie trennt. Das gilt besonders für den Alltag. Denn die alten Frauen werden nicht verklärt. Mendoza zeigt, wie Lola Puring ihre Kunden betrügt, wie auch hier wieder Korruption - DAS große Thema unter den Festivalfilmen - herrscht. Alle betrügen alle. Man versteht das auch. Denn Not kennt kein Gebot. So erklärt Lola Puring bei Verwandten, der Enkel sei im Hospital, sei durch Stichwunde verletzt. Sie will Geld erbetteln, bekommt aber nur Naturalien geschenkt: Zwei lebende Enten - eine herrliche Szene, diese Entenjagd mit den Händen in den Wiesen der Suburbs, kurze Idylle - Kartoffeln, Eier. Gegenüber der Familie geht es um Anstand, aber sobald man unter sich ist, geht es nur ums Geld. Noch am Bahnhof verkauft die Großmutter die Geschenke.

"Lola" zeigt so die Erosion der Family-Values, gerade dort, wo sie ein bisschen noch funktionieren. Etwa in der Gleichgültigkeit des Bruders des Angeklagten: "He deserved it". Der hätte den Bruder nie aus dem Knast geholt. Zugleich zeigt der Film noch, dass zumindest die Macht des Matriarchats und der Alten in diesen Familien noch funktioniert. Die alten Mütter entscheiden.

Am Ende, wie vorauszusehen, treffen sie sich, handeln einen Preis aus. Dabei reden die Alten über ihre Athritis. Man sollte wenig Kohl essen. Über Männer: "Men are really a pain in the neck". 50.000 Pesos war das Leben des Enkels wert. Umgerechnet 731 Euro. Ganz schön viel Geld für beide Alte, aber das Geld ist dann gleich auch schon wieder weg.

Ein großartiger Film aus dem Dickicht von Manila. "Lola" zeigt das System, zeigt Gerechtigkeit in den Philippinen, zeigt die Menschen in diesem sozialen Räderwerk. Und darum herum zeigt er viele kleine feine genaue Beobachtungen. Wie das amerikanische Filmteam im Zug, das das Elend aufnimmt. Nimmt "Slo-Mo" sagt der Regisseur...

Ein toller Film! Wenn es mit rechten Dingen zugeht, wird "Lola" dafür mit einem Hauptpreis in Venedig belohnt.

Absurde Komödie

Soderberghs "The Informant" - Venedig Blog, 13. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Steven Soderberghs "The Informant" ist sozusagen das leichte, liberale, coole Spielfilmgegenstück zu Michael Moores Film über Kapitalismus: Innenansichten aus der US-Business-Welt. Der Film ist eine witzige Komödie über Menschen mit feinen Anzügen, großen Wagen und kleinen Gedanken. Wieder mal auf wahre Ereignisse zurückgehend und "based on the book 'The Informant (A True Story)' by Kurt Eichenwald" spielt Matt Damon einen Mann, der in den 90er Jahren einerseits das FBI über unsaubere Machenschaften seiner Firma informierte - dabei aber selbst nicht sauber blieb und so irgendwann zwischen allen Stühlen saß. Finanzwelt als absurde menschliche Komödie und eine sehr unterhaltsame Hochstaplergeschichte.

Auch stilistisch wirkt das wie das realistischere Pendant zu Soderberghs "Ocean's"-Filmen: Old-School-Nostalgie in Musik und Bildern, und schon in den ersten Minuten der Anfangscredits, als man nur ein altmodisches Tonbandgerät sieht, wirkt alles mehr 60er als 90er-Jahre, spielt aber 1992 ff.

Eine Komödie über einen Narr, der auf Michael-Crichton-Bücher steht, über das schöne Leben mit vier Porsches in der Garage, über einen notorischen Lügner - sehr gut geschrieben, sehr witzig, aber alles in allem ein irgendwie blasser Film, zu dem mir nicht viel einfällt, und bei dem ich damit auch kein schlechtes Gewissen habe.

Erste Preise in Venedig

Goldene Aale für Makhmalbaf, Knuchel, Castellitto - Venedig Blog, 12. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Der "Gran Premio Bisato D'Oro" (in etwa: "Der goldene Aal") dürfte der einzige Preis auf einem Filmfestival sein, der von einer Kneipe vergeben wird. Aber das Ecklokal "Bar Maleti" an der Gran Viale Santa Elisabetta auf dem Lido von Venedig, etwa zehn Fahrradminuten vom Festivalgelände entfernt, ist ein besonderer Ort. Da es hier weder Partys, noch so etwas wie ein Festivalzentrum gibt, hat sich das "Maleti" in den letzten Jahren vom Geheimtip des Lieblingslokals unseres Freundes und Kollegen Josef Schnelle zum Nachkino-Treffpunkt eines Großteils derjenigen, unter den "wichtigeren" Kollegen aus Europa gemausert, die nicht gern früh ins Bett gehen, und auch nach Ende des letzten Films so gegen 2 Uhr nachts noch ein Bier und ein Sandwich bekommen möchten. Vor allem Kritiker aus Spanien, Österreich, Osteuropa, Deutschland und natürlich Italien treffen sich hier, und reden, streiten, versöhnen sich Abend für Abend über die Filme des Festivals.
Vor drei Jahren gründeten der Kritiker Ugo Brusaparco und Barbesitzer Claudio Maleti einen Preis, den "Gran Premio Bisato D'Oro della critica independente", der seitdem so etwas wie der "Unabhängige Kritikerpreis" von Venedig ist. Als Trophäe gibt es immerhin einen goldgelben Aal aus Murano-Glas und gefeiert wird zur Preisvergabe mit reichlich Prosecco, Käse, Schinken - und natürlich Aal.

In diesem Jahr ging der "Gran Premio Bisato D'Oro" an die iranische Regisseurin Hana Makhmalbaf für ihren an dieser Stelle schon mehrfach erwähnten Film "Green Days", sowie an den italienischen Darsteller Sergio Castellitto für seinen tatsächlich eindrucksvollen Auftritt in Jacques Rivettes ansonsten eher blassem "36 vues du Pic Saint Loup". Und an den Regisseur Stefano Knuchel für den eindrucksvollen "Hugo en Afrique" eine Meditation über den "Corto Maltrese"-Erfinder Hugo Pratt.

Alle Preisträger kamen zur Preisverlehung, drei Fernsehteams und zahlreiche Kritikerkollegen waren auch da - man mag sich einen Moment verwundert die Augen reiben, aber wenn man es richtig anstellt, kann eben auch aus einer Schnapsidee was Gutes werden. Und zumindest für Hana Makhmalbaf, die hier außer Konkurrenz auftritt, vom Festival in einem überraschend schäbigen Hotel einquartiert wurde - man wundert sich manchmal, und kann nur hoffen, es waren wirklich keine Zimmer mehr frei - und nach "Green Days" nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren kann, mag diese ehrliche, verdiente Anerkennung Gold wert sein.

"Achmadinedschad hat das iranische Volk in Geiselhaft genommen!"

Die iranische Filmemacherin Hana Makhmalbaf über das Regime in Teheran - Venedig Blog, 11. Folge

Von Rüdiger Suchsland

"Wir Iraner sind alle Geiseln des Regimes, Achmadinedschad hat das iranische Volk in Geiselhaft genommen!" - mit deutlichen Worten wandte sich die iranische Filmemacherin Hana Makhmalbaf gegen das Regime in ihrer Heimat. Auf der offiziellen Pressekonferenz des Filmfestivals von Venedig zur Premiere ihres Films "Green Days", einem Dokudrama über die Wochen vor und nach den iranischen Präsidentschaftswahlen im Juni, sagte Makhmalbaf, erst 21 Jahre alt und jüngste Tochter des bekannten iranischen Regisseurs Mohsen Makhmalbaf: "Nach der Wahl hat sich unser Leben radikal verändert. Ich betrachte mich selbst als Geisel."

Ein Staatsstreich habe sich im Juni ereignet. Makhmalbaf spricht von den Herrschenden als von einem "faschistischen Regime". Hitler sei besiegt worden, wie Diktatoren in der Geschichte immer früher oder später besiegt werden. "Uns wird es nicht anders gehen. Wir sind durch Gewehre gestoppt worden. Aber auf die Dauer kann man 70 Millionen nicht mit Gewehren stoppen."

Ihre Botschaft für die Menschen im Westen: "Sie alle im Westen sollten nicht dem Irrtum erliegen, Achmadinedschad repräsentiere in irgendeiner Weise die Menschen im Iran."

Apocalypse Now bei den Wikingern

"Valhalla Rising" von Nicolas Winding Refn und John Hillcoats "The Road" - Venedig Blog, 10. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Es kann hier jederzeit alles passieren. Und das über einen Film sagen zu können, ist doch schon mal eine ganze Menge.
Am Anfang, wenn man noch gar nicht weiß, worauf dieser Film hinausläuft, ist da die totale Ungewissheit. Als erstes sieht man auf schwarzem Grund ein Insert: "In the beginning, there was only man and nature". Im Laufe des Films dann fragt man sich irgendwann, ob dieser Film womöglich auch die Sehnsucht danach artikuliert? Die nach der Einfachheit oder nach dem Anfang? "Then men came bearing crosses and drove the heathen to the ends of the earth."

Der Film ist in Kapitel unterteilt, es werden sechs werden, aber das weiß man zunächst noch nicht. Das erste heißt "Wrath", "Zorn".
Die Welt ist Grau, Schwarz, ein wenig Grün, sie besteht vor allem aus Schlamm und Matsch. Eine Berglandschaft, in der es sich schwer leben läßt. Alles ist hässlich und dreckig. Hier begegnen wir einer schweigenden Männergesellschaft, die sich mit brutalen Kämpfen von Gladiatoren-Sklaven amüsiert, Wetten auf den Ausgang abschließt. Ein Catchen auf Leben und Tod, fast wortlos, die Tonspur konzentriert sich ganz auf das Pfeifen des Windes, und auf das Schlagen und Krachen der Knochen aufeinander. Gelegentliche Splattereffekte. Auch an "The Wrestler" muss man kurz denken, der hier vor einem Jahr in Venedig gewann. Die Landschaft sorgt für einen Hauch von "Highlander". Und der Film ist spürbar mit dieser Männerwelt einverstanden. Er beobachtet sie von Außen, aber mit Faszination und Sympathie. Es sind Verhältnisse, die wir, ereigneten sie sich in unserer Zeit, als faschistisch verabscheuen würden. Angesiedelt in historischen Frühzeiten blickt der Film aber, und wir mit ihm, freundlich, neugierig und voll undefinierter Ehrfurcht auf diese Zeit, als Männer noch Männer waren. John Milius läßt grüßen.

Die Catch-Kämpfer verbringen ihren Tag angekettet in Holzkäfigen. Der beste, erfolgreichste, also gefährlichste von ihnen wird von Mads Mikkelsen gespielt. Sein eines Auge ist tot und zugewachsen, so ähnlich wie das Auge von Kirk Douglas in Richard Fleischers "The Vikings". Ein kleiner Junge versorgt ihn.
Dann eines Tages, und man hat es geahnt, bricht er aus, nur drei Schläge mit der Axt sind nötig, und die Hilfe des Jungen. Zuvor hatte man noch die Prophezeiung seines Herren gehört, der ihn wie ein Tier gehalten hatte: "Those driven by hate, will survive".

Im zweiten Kapitel, "Silent Warrior", treffen die zwei, die schweigend durchs Hochland wandern, auf eine andere Gruppe. Von den "weißen Christen des Nordens" war einmal die Rede gewesen, um sie handelt es sich wohl. Und sie sprechen Englisch, bald haben wir verstanden, dass der Film im Norden der britischen Insel spielt. Die Christen reden vom Leiden und vom "neuen Jerusalem", das sie erobern wollen. Ihr König sagt: "We are more than flesh and blood. You should consider your soul." Der Kämpfer schweigt noch immer. Nichts kommt aus seinem Mund, und bis zum Ende dieses Films wird Mads Mikkelsen nicht ein Wort gesagt haben. Der blonde Junge spricht für "One Eye", wie sie ihn jetzt nennen. Er ist seine Stimme, aber auch seine ausgelagerte soziale Seite. Die Nabelschnur, die diesen Einzelgänger noch mit seinen Mitmenschen verbindet.

Im dritten und vierten Teil - "Men of God" und "The Holy Land" segelt eine Gruppe von kaum einem Dutzend Krieger in Richtung auf das nicht näher definierte Land. Der Film zeigt so gesehen die Wahrheit über die Kreuzritter, die hier nur als Wahnsinn erscheinen kann. Die Überfahrt ist lang und schwer. Am Ende ist das heilige Land erreicht, eine irreale, fantastische Welt. Mehr und mehr verliert sich die Reise im Nichts. Es gibt Tote, zum Wahnsinn der Religion kommt noch anderes hinzu: Mord, Totschlag, Vergewaltigung untereinander, aber auch Morde von Außen, durch die Einheimischen, die sich als Indianer entpuppen. "Hell" und "The Sacrifice" heißen die letzten zwei Kapitel, die die Auflösung der Verhältnisse, das Weltende vollenden.
Kollege Josef Schnelle sieht den Film als kulturhistorisches Dokument. Auf der Ebene interessiert er mich eher gar nicht. Aber als was? Er fühlt sich gut an, soviel ist sicher. Trotzdem kann man sich hier wahnsinnig langweilen. Man kann sagen, der Mann, One Eye, hat seinen Tod gesehen und gesucht. Man kann feststellen, dass hier der Regisseur jede Idee von Heroismus dekonstruiert, und dieses Unterfangen so weit treibt, dass es in Schlachten und Amok endet, vielleicht zu weit treibt. Man kann den Film psychodelisch nehmen, als "Apocalypse Now" bei den Wikingern. In jedem Fall ist dem Dänen Nicolas Winding Refn ("Pusher"-Trilogie) mit "Valhalla Rising" ein besonderer Film gelungen, den man nicht so schnell vergisst.

Das Pendant dazu, gewissermaßen das andere Ende der Zivilisation, liefert der Australier John Hillcoats "The Road"/"Die Straße", eine Verfilmung des vielfach ausgezeichneten gleichnamigen Romans von Cormac McCarthy: Ein Vater und sein Sohn gehen auf einer Straße. Ohne Nahrung. Ohne Wasser. Leichen liegen am Weg. Die Welt in diesem unorthodoxen Science-Fiction-Film ist grau und tot, eine öde Mondlandschaft - irgendwann nach einer nicht weiter definierten Katastrophe. Ein hoch-pessimistisches, tieftrauriges Szenario. Schrecklich und darin schön, aber doch nicht wirklich gelungen.

Donnerstag, 10. September 2009

Pippi Langstrumpf auf Acid

Zuviel Erdbeeren: Die Künstlerin Pippilotti Rist hat einen Film gemacht. Venedig Blog, 8. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Pippi Langstrumpf auf Acid, das kommt dem Eindruck dieses Films noch am nächsten. Die Künstlerin Pippilotti Rist hat einen Film gemacht. Der sieht aus, wie ihr sonstiges Werk, also wie der Kindergarten, in den wir damals gern gegangen wären. "Pepperminta" ist quietschbunt, virtuos und sehr ungewöhnlich, schnell geschnitten, das Wort "Popästhetik" darf benutzt werden. Den tollen Bildern stehen leider schrottige Texte gegenüber - dominiert von Schülertheater-Witz und Esoterik, mit der banalen Botschaft: Seid nett zueinander und passt euch nicht an.

Die Titelheldin ist eine Nonkonformistin, was sympathisch ist. Aber der Anarchismus, der diesen Film durchdringt, wirkt dann doch ein bisschen arg naiv: Ein Mädchen steigt auf Briefkästen und lacht. Dann kommt ein Uniformierter, und sagt: "Wenn das jeder machen würde." Dabei rollt er mit den Augen. Das Mädchen antwortet: "Dann müsste es viel mehr Briefkästen geben." Haha!Ansonsten essen hier alle zuviel Erdbeeren, bekommen Jungs hier Matrosenanzüge angezogen, und Mädchen sammeln Menstruationsblut im Kelch und trinken es dann irgendwann. "Rot ist gut" heißt es dazu. Schon, ja. Aber nicht immer.

Obama & Me

Bilder aus der Sklavenhaltergesellschaft: Michael Moores neuer Film "Capitalism: A Love Story" und ein Hauch von Caesarenwahn - Venedig Blog, 7. Folge,

Von Rüdiger Suchsland

Finanzkrise für Zwölfjährige: Ein düsteres Untergangsszenario über Geschichte und Gegenwart der Finanzwirtschaft, insbesondere über die Bankenkrise 2008, ihre Hintergründe und einen "versteckten Staatsstreich" bei den Versuchen ihrer Lösung. Die brisantesten Informationen sind dabei, wie immer bei Michael Moore, gut versteckt: Mehr als alles andere verblüfft die Erinnerung daran, dass zwischen 1936 und 1981, zu Zeiten des größten Wohlstands der USA in den 50er Jahren, höhere Einkommen mit niemals weniger als 70, zum Teil mit bis zu 94 Prozent besteuert wurden!

Spoiler: Michael Moore ist gegen Kapitalismus! Wow!! Die Nachricht des Tages!!! Da hat uns der amerikanische Linkspopulist, der zumindest äußerlich eher so aussieht, wie im Kino der Weimarer Republik noch die Kapitalisten, aber ganz schön reingelegt. Heißt sein neuester Film, der gerade bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere hatte, doch: "Capitalism: A Love Story". Es kann sich aber nur um eine bitter enttäuschte Liebe handeln. Denn so hell wie das Blitzlichtgewitter bei der Premiere, so dunkel ist der Film.

Nachdem ein lustiger Vorspann kurze Überwachungskamerafilmchen aneinanderreiht, die von Banküberfällen aufgenommen wurden, beginnt Moore mit Bildern aus Hollywood-Sandalenfilmen: Das alte Rom, warum ging es unter? lautet seine traditionsreiche Frage. Vom Sklavenhalterstaat ist die Rede, vom Caesarenwahn, von Dekadenz - die Parallele zu Bush meint Moore trotzdem noch in Form von parallel geschnittenen Bildern aussprechen zu müssen, damit auch alle verstehen.

"Capitalism: A Love Story" ist grundsätzlich ein düsteres Untergangsszenario, in dem Moore in gewohnter Weise völlig unzusammenhängende, aber interessante Fakten zu seinem Thema, durcheinander mischt, mit zum Teil altbekannten, zum Teil wirklich ganz originellen Thesen und Einfällen mischt, wie man das ganze Elend ändern könnte. Um dann Grassroots- und Bürgeraufstandsoptimismus zur Lösung aller Probleme zu erklären. Einmal gelingt Moore damit das Paradox, ein inhaltlich eher depressives Bild zu zeigen - das aber im gut gelaunten Tonfall eines Propagandafilms, und verbunden mit der Aufforderung zur Revolution.

Erster Akt: Phänomenologie des Kapitalismus in seinen Folgen

Um sein Panorama zu illustrieren, häuft Moore diverse Beispiele für den Untergang der US-Wirtschaft und die schleichende Enteignung der Bürger auf: Er zeigt Menschen, die aus ihren Häusern vertrieben werden, Folge überhöhter Verschuldung. Für die sind in Moores Film immer nur diejenigen verantwortlich, die die Kredite vergeben, nie die, die sie nehmen. Natürlich sind überhöhte Zinsen unmoralisch, versteckte Zinsen womöglich ein Verbrechen, auch wenn sie über das Kleingedruckte juristisch legal sind. Aber haben Menschen, die sich überschulden, die hundertausende Dollars leihen und ausgeben, obwohl sie im Monat allenfalls ein paar hundert Dollar zurückzahlen können, in keiner Weise Mitschuld an ihrer Lage? Moore scheint das nicht zu denken, aber er argumentiert auch nicht dagegen, er wirft diese Frage überhaupt nicht auf. Und das nervt, nicht zuletzt weil er mit solch' einer simplifiziernden Herangehensweise das viele, was an seinem Film wichtig, gut, und interessant ist, schwächt.
Moore zeigt Leute die klagen: "There is no in between - people who have it all and people who have got nothing." Das stimmt, wird aber auch nicht durch Diskurse über Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich vertieft. Außerdem ist er manipulativ in seiner billigen Sentimentalität.
Moore zeigt ein privatisiertes Jugendgefängnis, das in erster Linie für seine Eigner ein Business ist, weshalb man den örtlichen Richter geschmiert hat, um möglichst viel Nachschub für die Zellen zu beschaffen. Das Ereignis ist zwar aufgeklärt und der Richter längst bestraft - aber dies sei kein Einzelfall, suggeriert Moore zwar einleuchtend aber völlig ohne Beweise.
Moore zeigt Flugzeugabstürze und überschuldete Piloten. Moore zeigt, wie Unternehmen Lebensversicherungen auf ihre Angestellten abschließen, die dann ihnen zugute kommen. Mit dem Tod ihrer Angestellten verdienen die Firmen dadurch mehr Geld als sie mit ihrer Arbeit verdienen. Diese Phänomenologie des Kapitalismus in seinen Folgen bildet sozusagen den ersten Akt des Films.

Zweiter Akt: Die schönen Fünfziger

Der zweite Akt ist eine märchenhafte Reise zurück in die Geschichte. In den fünfziger Jahren als Moores Vater noch bei General Motors arbeitete und Klein-Michael Priester werden wollte, da war alles schön und gut in Amerika. Beethoven 9te Symphonie, vierter Satz, aber nicht "Freude schöner Götterfunken", sondern die Passagen davor, untermalen die Bilder von einer rundum glücklichen Konsumgesellschaft zu Eisenhower-Zeiten. Die Menschen hatten eine sichere Arbeit, vier Wochen bezahlten Urlaub im Jahr, und nur einen Geldverdiener pro Familie, aber viele Kinder.

Moore hätte es gar nicht nötig, hier ein derart heiteres Bild zu malen, in dem weder McCarthy vorkommen, noch der Kalte Krieg, geschweige denn der heiße in Korea, in dem Vietnam und andere unschöne Dinge nur ganz am Rande gestreift werden. Denn diese Passage enthält die vielleicht brisanteste Information des ganzen Films: Zwischen 1936 und 1981, zu Zeiten des größten Wohlstands der USA lag die Steuer auf höhere Einkommen (Income-Tax) mit niemals weniger als 70, zum Teil mit bis zu 94 Prozent im Vergleich zur Gegenwart extrem hoch. Kein Wunder, dass der Staat genug Geld hatte und Wohlstand für alle versprechen konnte.

Der Widerspruch der in diesem heiteren Bild liegt, bleibt leider ausgespart: Will Moore denn in die 50er Jahre zurück? Es gab ja auch Bedingungen für diese schöne heitere Flintstone-Idylle: Ausbeutung, Kolonialismus, Imperialismus, Kalter Krieg. Auch hier ist der Film dümmer, als er sein müsste. Und sollte.

Dann wird Beethoven durch Orffs "Carmina Burana" abgelöst, eine Musik, die vorzugsweise verwendet wird, um Hölle und Weltuntergang zu illustrieren. Auftritt: Ronald Reagan. Der Schurke, der die Steuern senkte. Eine Marionette der Finanzindustrie, ein Knecht in den Händen seines Finanzministers und Stabschefs Don Regan. Hypnosebilder, dazu Hitchcock-Musik von Bernard Herrmann.

In diesem Schwarzweiß-Stil geht es weiter. Immer wieder sieht man irgendwelche bösen Finanzhaie, dann weinen Menschen. Die Citigroup veröffentlicht ihr Papier, in dem sie gegen Demokratie und für einen "plutonomy" und "new aristocracy" wettert. Dann sind die Pfarrer dran. Pfarrer sagen: "Capitalism is a sin!", "Capitalism is evil!", "Capitalism is against the holy books!" Da ist es dann nicht schlimm, die Welt in Gut und Böse zu scheiden.
Natürlich würde Moore jederzeit auch fünf Priester finden, die für den Kapitalismus predigen, Antikapitalismus als Sünde brandmarken, die Börse als Gottesgabe feiern und noch die exakte Bibelstelle nennen könnten, in der Jesus die Einführung von Derivaten fordert.
Dass vielleicht der Abschied vom religiös strukturierten Denken, dass ein Ende des politischen Manichäismus ein Schritt zum Besseren sein könnte, scheint Moore dagegen nie in den Sinn zu kommen. Stattdessen outet sich Moore hier mehr denn je als religiöser Spinner, als einfach nur anders gepolter Cousin von George W. Bush, der in ähnlichen chiliastischen Strukturen einfach nur andere Inhalte verpackt. Ein vormoderner Sektierer.

Widersprechen tut er sich auch: Denn als er ein paar Minuten weiter in seiner Predigt dann auf das Thema Demokratie im Unternehmen zu sprechen kommt, stellt er einen Musterbetrieb in Sachen gleicher Bezahlung vor, um dann zum Fazit zu kommen: "They end up making more money." Geht es also darum? Ist Kapitalismus gut, wenn er nur richtig funktioniert, muss man ihn nur besser machen? Zumindest die Beantwortung dieser Frage sollte man von Moore verlangen dürfen.

Dritter Akt: Die Bankenkrise 2008

Das zentrale Thema ist aber die Bankenkrise 2008. Zu ihrer Bewältigung wurden im Oktober 2008 Gesetze durch den US-Kongreß gepeitscht, durch die der Staat für die Schulden der Wall Street haftbar gemacht wird. Die Demokraten ließen sich dazu breitschlagen. Die Folge: "eine Art versteckter Staatsstreich" lautet Moores Fazit, flankiert von ein paar demokratischen Kongreßabgeordneten.
Moore nennt die Schuldigen, wie Senator Christopher Dodd, erinnert an den "Saving and Loans scandal" der Achtziger, und fragt: Wer wurde reich? Antwort: Robert Rubin, Larry Summers, Timothy F. Geithner. Sämtlich der demokratischen Partei und der Clinton-Administration nahestehend. Sämtlich heute einflußreiche Berater, bzw. im Fall von Geithner Finanzminister der Obama-Regierung. Sämtlich der Goldman-Sachs-Bank nahestehen. Bei Moore ist vom "Government Goldman" die Rede. Robert Rubin war außerdem jahrelang in Diensten der Citigroup - wir erinnern uns: Der Bank der neuen Aristokraten. Als Finanzminister begünstigte Rubin durch Aufhebung des Glass-Steagall Acts die Fusion von Kredit- und Investmentbanken, und ermöglichte damit nicht nur die Gründung der Citigroup, sondern auch die Bankenkrise.
"Government Goldman" - dazu muss man wohl auch noch erwähnen, dass Goldman Sachs der größte Financier der Wahlkampagne Obamas war. Gibt es also auch hier einen großen Puppenspieler? Das fragt Moore einstweilen nicht.

Die Feinde: Manchesterkapitalismus und Neoliberalismus

Stattdessen folgert er, dass Kapitalismus irgendwie unchristlich und unamerikanisch ist, und läuft am Ende des Films in Feelgood-Passagen vor den Banken auf und ab und fragt: "Wo ist unser Geld?"

Konzentriert ist dies zwar alles nun auf Amerika - aber zu Moores Gunsten darf man annehmen, dass das alles nur als Beispiel gemeint ist. Würde Moore mit einer ähnlichen Kombination aus Neugier und Sendungsbewußtsein in Deutschland von Abwrackprämie, Commerzbankeinstieg und Garantien für zahlungsunfähige Unternehmen erzählen, würde er die Politik und die Vernetzungen von Regierungspolitikern untersuchen, dürfte er auch fündig werden. Inhaltlich ist sein Film allerdings kein Angriff auf das Modell des Rheinischen Kapitalismus, für den die Große Koalition steht, sondern auf Manchesterkapitalismus und Neoliberalismus wie er von der FDP verteten wird.

Moore, der im gut gelaunten Unterhaltungstonfall eines Propagandafilms sein depressives Bild mit der kraftvollen frohen Botschaft kombiniert, Wandel sei möglich, war in Venedig der Beifall sicher - Stil und für die breite Masse anstrengende Filmkunst kümmern den amerikanischen Dokustar eher wenig, so richtig auf die Füße getreten wurde hier keinem der Anwesenden, und der Grassroots- und Bürgeraufstandsoptimismus, der im Film die Lösung aller Probleme sein soll, war jedenfalls sympathisch.
Im Interview erzählt Obama dann später, er habe einige Szenen des Films nur für einen einzigen Menschen gemacht... Bedeutungsvolles Schweigen...: für Präsident Obama. Welche Szenen es denn seien? Die über seinen Finanzminister. Die über Goldman-Sachs. Da wird Obama bestimmt was Neues erfahren haben? Mensch, Michael, wenn er das früher gewußt hätte. "Obama und ich"- das ist der heimliche Titel dieses und der kommenden Filme von Michael Moore. Wir dürfen noch auf manches gefasst sein. Und da sind wir dann - Sympathie hin, Argumente her - wieder beim alten Rom, wo Hybris nicht weit weg liegt vom Caesarenwahn.

Mittwoch, 9. September 2009

Israelische Geisterbahnfahrt

Spekulativ und konstruiert: Samuel Maoz "Lebanon" hakt Stationen des Schreckens ab

Von Rüdiger Suchsland

Ein wunderschönes Sonnenblumenfeld, im Hochsommer. Ziemlich lang ist diese erste Einstellung, in der aber auch gar nichts passiert. Man wird sie am Ende des Films wiedersehen.

Dann aber sieht man erstmal gar nichts. Das gleißende Licht des Sonnenscheins ist tiefer Dunkelheit gewichen. Dafür rumpelt und knattert es. Es knarzt. Dann tauchen Gesichter auf, von jungen Männern in Großaufnahmen.

Schnell ist klar: Es handelt sich um eine israelische Panzerbesatzung, und der Filmzuschauer sitzt mit denen im Panzer. Alles spielt am 6. Juni 1982, dem Tag an dem der israelische Feldzug in den Libanon begann. Kurz darauf wird der Panzer die Nord-Grenze überschreiten, man hört die Gespräche der Soldaten, auch den Funkverkehr.

Samuel Maoz erzählt in "Lebanon", seinem israelischem Wettbewerbsbeitrag in Venedig, den Libanonkrieg von 1982 ganz aus der Perspektive einer einzigen Panzerbesatzung. Man steckt in dem Stahl-Kasten drin, ist ausgeliefert. Alles was man sieht ist das Panzerinnere und der Blick durchs Zielfernrohr. Das ist eine Viertelstunde lang aufregend, dann aber schnell ermüdend, und, wenn man zu denken anfängt, bald ärgerlich.

Das liegt zum einen daran, dass hier wie in einer Geisterbahnfahrt die Stationen des Schreckens abgehakt werden. Wie Pflichtübungen, aber vor allem als Gruselkabinett: Ein Pkw mit terroristischen Insassen wird nicht unter Beschuss genommen, dafür dann der mit dem lieben Hühnerhändler. In einem Dorf sieht man tote, versehrte, traumatisierte, verkrüppelte Männer und die Folgen der israelischen Bombardements. Dann eine Frau. Erst wird ihr Mann, dann ihre Tochter getötet, als die Israelis versuchen, jene Araber, die sie als Geisel genommen haben zu töten. Schreien und Verzweiflung genügen nicht, sie verliert auch noch ihre Kleider. Das hat mehr als einen Hauch von Exploitation-Kino.

Hinzu kommt: Die Panzerbesatzung besteht aus lauter lieben Jungs, die viele Skrupel haben, nicht schießen können, wenn es gut wäre, nach ihrer Mami schreien und vor allem nicht schuldig werden wollen. Ist Krieg so? Vielleicht. Gab es das? Bestimmt. Aber bestimmt nicht nur. Wären alle Soldaten so wie diese hier, wäre die israelische Armee seinerzeit jedenfalls nie bis Beirut gekommen. "Lebanon" ist insofern auch eine Beleidigung der Fähigkeiten der Israelis, wie der Intelligenz seiner Zuschauer.

Noch schwerer wiegt: Der Stil des Films. Auf der Soundebene ist die Tonspur völlig übertrieben laut. Andauern macht es Ploink und Bworrrk. Aber ein Panzer 1982 ist nicht Wolfgang Petersens "Boot" von 1941. Offenkundig geht es nicht um Naturalismus - der aber dann wieder behauptet wird -, sondern darum, die Zuschauer zu nerven und unter Druck zu setzen, ein manipulatives Verfahren, das vor allem belegt, dass der Regisseur seinem Stoff nicht wirklich vertraut. Die visuelle Perspektive ist verlogen. Denn der Zuschauer blickt immer nur durchs Zielfernrohr, nie durch den Sehschlitz des Fahrers. Das suggeriert erstens eine einheitliche Perspektive, zweitens, dass alle sähen, was die Kamera zeigt.

Die moralisch-politische Perspektive des Films erscheint doppelzüngig: Einerseits glaubt Maoz sicher aufrichtig, er sei israelkritisch. Und will es auch sein. Andererseits sind es dann im Panzer doch alles liebe Jungs. Und die wahren Arschlöcher und Sadisten die libanesische Falange, Araber also, wenn auch christliche, die für Israel die Dreckarbeit machten. Das mag sogar - wie in "Waltz with Bashir" - den historischen Tatsachen entsprechen. Aber wenn man es sieht, wirkt es dann doch, wie die Soldaten unter unseren Großvätern einst von der deutschen Ostfront erzählten: "Die richtigen Schweine waren doch die Ukrainer! Das waren Sadisten." Mag ja stimmen. Was noch nicht heißt, dass die, die ihnen den Rahmen steckten, sie bewaffneten und einsetzten, keine Schweine waren, und sich nicht schuldig gemacht hätten. So hat "Lebanon" am Ende den merkwürdigen Aspekt, dass hier die Schuldfrage ausgeblendet wird, alles in so allgemeine wie sülzige Traumadiskurse mündet.
Insgesamt ist "Lebanon" also recht spekulativ und sehr konstruiert. Aber da Israel(selbst-)kritik auf Filmfestivals noch populärer ist als Kritik an Amerika, bekam Maoz' Film viel Applaus und dürfte am Samstag durchaus Chancen auf einen "Löwen" haben.

Montag, 7. September 2009

Der Protest im Iran hat einen kritischen Punkt erreicht

Drei Fragen an Shirin Neshat - Venedig Blog, 5. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Die kommenden Tage beim Filmfestival von Venedig stehen ganz im Zeichen des Iran und der "Grünen Revolution" im Juni. Gleich vier Filme kommen aus dem Iran. Im Wettbewerb hat am Mittwoch "Women without Men" Premiere, der erste Kinofilm der Video-Künstlerin Shirin Neshat, der 1953 in Teheran während des von der CIA orchestrierten Militärputsches spielt. Noch brisanter dürfte "Green Days" von der erst 21-jährigen Hana Makhmalbaf werden. Die Regisseurin, jüngstes Mitglied der im Pariser Exil lebenden bekannten Filmfamilie, hatte während der Unruhen im Juni, der "Grünen Revolution" spontan diesen semidokumentarischen Film gedreht.

In einem Vorgespräch antwortete Shirin Neshat auf einige Fragen zu den Verhältnissen im Iran.

Wie schätzen sie die Juni-Proteste ein?

Neshat: In der islamischen Revolution war es noch um Religion gegangen und um Kommunismus. Hier waren die Jungen auf der Straße, 70 Prozent der Bevölkerung, die die Alten weghaben wollten, die Reform wollen. Es ging nicht um den Islam. Mein Eindruck ist, dass sie begriffen haben, dass es nicht genug ist, die wahren Gefühle in seinem Inneren zu tragen. Man muss sie auch nach außen tragen. Was jetzt in den letzten Monaten geschehen ist: Die Menschen haben verstanden, dass man auf der Straße wirklich etwas erreichen kann. Zu Beginn der Proteste haben viele Leute noch gesagt: Was können wir wirklich erreichen? Aber Studentenproteste waren im Iran immer schon sehr einflussreich. Wie auch die Proteste der Emigranten. Und das funktioniert tatsächlich.
Seitdem ist für uns alle die Frage, wie wir die Balance finden zwischen unserer Arbeit als Künstler und unserer sozialen Verantwortung. Aber es ist klar: Wir haben eine Stimme. Und sie kann zählen. Das ist eine sehr interessante Erfahrung auch für mich.
Ich erinnere mich, wie ich direkt nach dem New Yorker Hungerstreik zum Flughafen fuhr, um in Berlin am Film weiterzuarbeiten. Ich habe geheult, denn ich wollte nicht weg. Ich wollte bei meinen Leuten bleiben. Dieser Sinn für Verbundenheit, für Gemeinschaft, für Solidarität, die einigende Kraft des Widerstands gegen diese Regierung hat eine unglaubliche Bedeutung in unseren Leben im Exil bekommen.

In ihrem Film geht es um vier Frauen, die alle aktiv werden. Bei den Juni-Protesten spielten Frauen eine Schlüsselrolle. Ist dies ein modernes Phänomen? Oder hat es seine Wurzeln in der iranischen Kultur?

Neshat: Nun - was jetzt im Iran passiert, ist eine neue Revolution, ein neuer Feminismus. Wenn man die Bilder der letzten Wochen und Monate anguckt, sieht man gleich viele Frauen wie Männer. Und es ist manchmal unglaublich schockierend, wie tapfer, wie mutig sie sind. Sie wagen sich an Orte, vor denen Männer zurückweichen. Aber es ist auch schockierend, wie schön sie sind. Und wie sie ihre Schönheit benutzen!
Sie nutzen die Kraft ihrer Jugend und ihrer Aggressivität. Aber sie haben es auch satt. Sie sind nicht mehr feige. Denn ihr Leben ist die Hölle. Sie haben nichts zu verlieren. Die nach der islamischen Revolution geborenen sind die unglücklichste Generation der iranischen Geschichte. Alles, was sie kennen, sind düstere Zeiten. Die allgegenwärtige Kontrolle der Pasdaran: Kein Recht auf Filme, auf Musik, Kleidervorschriften… Jeder von ihnen hatte in der einen oder anderen Weise schon mal Ärger mit der Polizei. Alles wurde ihnen weggenommen, jede Form von Freiheit. In meiner Zeit hatten wir zumindest bescheidene Freiheiten. Wenn sie heute ihre Häuser verlassen, dann wissen ihre Mütter nicht, ob sie sie je wiedersehen.

Wollen Sie die Premiere in Venedig auch als politische Plattform nutzen?

Neshat: Wir überlegen uns, was wir in Venedig damit machen. Wir sind alle sehr aktiv. Der Protest im Iran hat jetzt einen kritischen Punkt erreicht: Die Regierung hat die Straße mehr oder weniger wieder unter Kontrolle. Wir müssen jetzt genau überlegen, wie es weitergehen soll. Wir müssen Gelegenheiten wie die in Venedig nutzen. Einerseits will ich nicht, dass mein Film instrumentalisiert wird, andererseits will ich nicht, dass seine politischen Anliegen übersehen werden.

Die Menschen können revoltieren!

Michael Moore auf der Pressekonferenz - Venedig Blog, 4. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Rot ist der Teppich auch in Venedig, und obwohl diese Farbe zumindest politisch derzeit nicht gerade in Mode ist, war sie doch dominant am Sonntag, der zum unausgesprochenen Tag der Amerikaner wurde: Festivalboss Marco Müller begrüßte mit den Regiestars Steven Soderbergh, Oliver Stone und Michael Moore die ganz großen Hollywood-Namen mit ihren Filmen im Palazzo de Cinema. Sie machten sich zumindest ein wenig auch für die politische Farbe Rot stark. Oder besser gesagt: Sie formulierten ein paar Selbstverständlichkeiten, etwa Michael Moore auf der Pressekonferenz zu seinem Film: "Das amerikanische Volk muss verstehen, dass es aktiv werden muss. Auch wer Obama gewählt hat, muss trotzdem aktiv bleiben. Demokratie ist kein Zuschauersport. Es geht ums Mitmachen. Wenn wir nicht mitmachen, hören wir auf, eine Demokratie zu sein."
"Ich bin immer wieder überrascht, wie oft - nicht nur in Amerika - die Menschen das Unmögliche möglich machen. Diejenigen, die alt genug sind, um sich zu erinnern, werden wissen: Wer hätte gedacht, dass die Berliner Mauer fällt? Ich nicht. Wer hätte gedacht, dass Nelson Mandela je aus dem Gefängnis kommt, und dass er sogar Präsident von Südafrika werden könnte? In den letzten 20 Jahren ist so vieles passiert, das mich wahnsinnig überrascht hat, dass ich inzwischen glaube, dass alles möglich ist. Die Menschen können revoltieren, auf gute Weise gewaltlos für das aufstehen, das sie für richtig halten."

Sonntag, 6. September 2009

Es war einmal ein Proletarier

Durch die Schrecken schien uns die Sonne der Freiheit: Der Tag der Sowjethymne - Venedig Blog, 3. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Die schönste Nationalhymne nach der in dieser Hinsicht unschlagbaren "Marseillaise" ist ohne Frage die Hymne der Sowjetunion, die "Gimn Sowjetskowo Sojusa". Zumindest musikalisch. Glücklicherweise können die wenigsten Russisch, so dass der Text nicht weiter stört. Außerdem wird der alle paar Jahrzehnte geändert.
Der Samstag war in Venedig nun ohne Frage der Tag der Sowjethymne. Gleich in vier verschiedenen Filmen war das Lied zu hören, und drei Mal im alten Text, in dem auf den universal gültigen Zweizeiler "Durch die Schrecken schien uns die Sonne der Freiheit, Und Lenin der Große erleuchtete uns den Weg." dann auch noch folgt "Uns erzog Stalin – zur Treue zum Volk, Zu Arbeit und Heldentaten regte er uns an!"
Der erste Film muss dabei nicht weiter beschäftigen, der war eh ein Kurzfilm, Animation, und da er "Sputnik 5" hieß und von der gleichnamigen Weltraummission aus dem Jahr 1960 erzählte, darf uns das Lied auch nicht weiter verwundern. "Sputnik 5" war eine Art sowjetische Space-Arche-Noah: Besetzt mit zwei Hunden, Hühnern, Spinnen, ausgewählten Bakterienkulturen drehte man sich auf den Spuren des heroischen Opfergangs der Hündin Laika ("Sputnik 2", 1957) 18 Mal im schwerelosen Raum um die Erde, und landete anschließend wohlbehalten auf der Erde - die erste Weltraummission, die ein kompletter Erfolg war. Hunde jaulen darin die Sowjethymne, Mäuse singen sie - ein lustiger Vorfilm für den italienischen Film "Cosmonauta": In dessen Zentrum steht ein Mädchen, dass im Jahr 1963 Mitglied in der Jugendorganisation der PCI (der italienischen Kommunisten) ist, und außer für die russische Weltraummissionen, besonders die Kosmonautin Valentina Tereschkowa, die erste Frau im Weltraum und Nikita Chruschtschow auch für verschiedene PCI-Genossen schwärmt. Insgesamt mischt der Film konventionelle Coming-of-Age-Motive mit kommunistischer Spaßguerilla, und zeigt nicht nur, wie sowjetische Technologie die Gesetze der Schwerkraft überwindet, sondern auch, wie reaktionär die Genossen in der Geschlechterfrage blieben: Sex wird zur Waffe im Mobbing, da hilft auch der Gedanke der Völkerfreundschaft nicht weiter.

Nur bitter ironisch ist es zu verstehen, wenn die chinesische Regissseurin Guo Xiaolu die Sowjethymne spielt - übrigens in einer englischen Version: Ihr Film "Once Upon a Time Proletarian: 12 Tales of a Country", auf den wir an dieser Stelle noch zurückommen werden, ist ein fabelhaft gemachtes, hochinteressantes Gesellschaftportrait Chinas in Zeiten seines hypermodernen Aufbruchs. "Durch die Schrecken schien uns die Sonne der Freiheit", das ist hier die böse harte Freiheit eines Kapitalismus, der alle Zusammenhänge zerstört.

Bei Michael Moore dagegen, so muss man fürchten, ist das Versprechen ernst gemeint, und seine Verwendung der Sowjethymne womöglich eine versteckte frohe Botschaft. Mit frohen Botschaften jedenfalls hat es der Regisseur von "Bowling for Columbine" und "Fahrenheit 9/11", das ist ja gerade das Paradox seiner Dokuessays die inhaltlich bekanntlich ein eher depressives Bild zeigen - aber eben im gut gelaunten Tonfall eines Propagandafilms, und verbunden mit der Aufforderung zur Revolution. Die bildet auch den Schlussakkord von "Capitalism: A Love Story", in der Moore in gewohnter Weise völlig unzusammenhängende, aber interessante Fakten zu seinem Thema, hier also Geschichte und Gegenwart der Finanzwirtschaft durcheinander mischt, mit zum Teil altbekannten, zum Teil wirklich ganz originellen Thesen und Einfällen mischt, wie man das ganze Elend ändern könnte. Vielleicht ist der Grassroots- und Bürgeraufstandsoptimismus, der im Film die Lösung aller Probleme sein soll, etwas wohlfeil, zumal in dem naiven Ton, in dem er vorgetragen wird, aber er macht sich jedenfalls gut - und die Sowjethymne passt dazu perfekt.

Samstag, 5. September 2009

The Good, the Gay and the Ugly



…und das am frühen Morgen: Mysterien der Liebe von Patrice Chéreau - Venedig Blog, 2. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Szenen in einem Pariser U-Bahn-Waggon: Eine Frau bettelt die anderen Fahrgäste an: "1 Euro". Einem blickt sie ins Gesicht: "Arschloch". Eine andere Fremde bekommt unvermittelt Schläge ins Gesicht. Die Welt ist schlecht und ungerecht. Hässliche Menschen sind hässlich zu Menschen in diesen ersten Minuten von Patrice Chéreaus neuem Film, gleich am frühen Samstagmorgen im Wettbewerb von Venedig. Die Handkamera zeigt Erniedrigte und Beleidigte, die neuen Miserables von Paris, zeigt viel Leiden und Dreck, immer wieder. Bis zum Schluss sind der Dreck und das Leiden sehr schön in Szene gesetzt, manchmal richtig lackiert. "Ich weiß nicht, wie ich es schaffe" sagt ein Freund zum anderen. Und wir im Publikum sollen mitleiden. Das sind so die Filme, die am Ende Preise kriegen.

Eigentlich eine Menge Klischees für die wenigen Minuten, die der Film erst dauert: Die Armen, die im Dunkel, die wir nicht sehen, und im Licht des Beleuchters die Intellektuellen in einem Rive-Gauche-Café. Die klugen starken Frauen, und die schönen Männer, alle mit ihren gleich langen Dreitagebärten wie Poster aus einem Schwulenmagazin. Der einzige, der da rausragt ist der, der im Film wirklich schwul ist: Jean-Hugues Anglade spielt ihn als coolen Schweiger, wie aus einem Italo-Western. Es gibt auch noch einen sanften Schwarzen, den alle mögen, der mit seiner Sanftheit, seinen vielen humanen Dialogsätzen und seiner Zurückhaltung, auch nur rassistisches, philo-negroides Klischee ist.
Ansonsten sind die Wohnungen hier provisorisch, und das Leben im Zweifel etwas nachlässig und etwas schmutzig. Dauert stolpert einer, lässt einer Bierflaschen, Weingläser oder Milchtüten fallen, ohne danach aufzuwischen, dauernd geht irgendetwas zu Bruch. Nur Symbol ist das alles natürlich für die Unachtsamkeit, die die Menschen auch in ihrem Gefühlen an den Tag legen, ihrem Leben überhaupt.

Daniel, einer der schönen Dreitagebart-Männer ist unser Held. Er ist ein Narziss des Unglücklichseins, der sich aber auch alles so wahnsinnig zu Herzen nimmt. Er ist ein Arschloch, das sagt nicht nur die Bettlerin vom Anfang, das sagen auch die Leute die er so kennen lernt, und denen er gern den Abend vermiest, das sagen auch die Freunde von Sonia, seiner Freundin. Daniel verdient seinen Lebensunterhalt, indem er Wohnungen renoviert, schwarz vermutlich. Er gibt Freunden gern altkluge Ratschläge, er weiß immer, wo es lang geht, außer in seinem eigenen Leben. Was er "eigentlich" genau tut, weiß man nicht, wahrscheinlich ist er "eigentlich" ein Künstler.
Seit einiger Zeit wird Daniel von einem Stalker verfolgt. Das ist eben jener namenlose Fremde, den Anglade so eindrucksvoll cool-lakonisch spielt. Der steht immer mal wieder in Daniels Zimmer und erklärt ihm seine Liebe: Absolut, ohne Reserve, völlig verwundbar.

Das wirklich Interessante an "Persecution" ist die Liebesgeschichte zwischen Sonia und Daniel, ist ihr Verhältnis. Das ist unkonventionell, nicht nur, weil Daniel gewissermaßen die Frau in der Beziehung ist. Zumindest verhält er sich so, wie sich in Filmen meistens die Frauen verhalten: Eifersüchtig, sprunghaft, irrational. Und sie, so wie die Männer: Rational, beruhigend, ein workaholic, der sagt, sie brauche Zeit zum Alleinsein.

Es gibt in diesem Teil der Erzählung viele lohnende Aspekte, und kleine Beobachtungen, Bemerkungen. Etwa die Daniels zu einem Freund: "Ich denke, sie hat einen anderen. Sie ist zu ruhig. Leute, die etwas zu verbergen haben, sind so wie sie." Der Film handelt von den Missverständnissen, die sich in Beziehungen auftun, wenn alle von außen etwas sehen, was man in der Beziehung nicht sieht - oder umgekehrt. Und er fragt danach, wie wichtig es ist, dass einen einer "braucht". Daniels Problem mit Sonia: "She doesn't need me. She doesn't miss me." Und der Stalker braucht ihn. Aber das hilft hier nicht. So gern man Anglade zusieht, so sehr ist diese schwule Randgeschichte eine Schwäche dieses Films: Dass Sonias Konkurrent keine Frau ist, macht die Konkurrenz schwächer.

Jenseits der Liebesgeschichte aber, die nicht genug im Zentrum steht, bietet "Persecution" ein bisschen zuviel von allem. Und das ein bisschen zu uninteressant: Daniels Leben, seine Beziehung, sein Charakter, das Leiden überall, die ganze Stimmung. Auch die ist apokalyptisch auf ihre Art, und passt, nimmt man sie als Portrait westlicher Decadènce, insofern zu vielem, was hier an den ersten Tagen in Venedig bereits zu sehen war. Aber auch diese Diagnose, wenn sie denn eine ist, wird nicht auf den Punkt gebracht. Stattdessen setzt Cheréau immer noch einen mehr drauf: Daniel pflegt Alte in einem Heim. Er erzählt die Geschichte von seinem Vater, der das Leben nur ertrug, weil er heimlich gebetet hat. Und zwar zweimal am Tag: Eine Stunde morgens, eine Stunde abends. Geht Daniel auf der Straße, sieht er noch einen Krankenwagen, der gerade jemand abholt. Dann ein Motorradunfall... Sollen wir Mitleid haben? Sollen wir auch beten? Hat Cheréau womöglich Probleme mit dem eigenen Altern?

So übersteht man diesen Film nur mithilfe seiner vielen kleinen nützlichen Lebensweisheiten. Etwa diese: "Never drag in in a womens room, you know. You never know, what you will find." Und diese: "You can get tired of people and leave them. There are many ways of leaving." Oder man denkt angesichts der vielen provisorischen Wohnungen mal wieder an den guten alten Rilke: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr..."

Am Ende dieser mit höchst fragwürdigem Musikeinsatz untermalten Geschichte über das Sich-Verfehlen spielt Cheréau dann "Mysteries of Love" von David Lynch und Angelo Badalamenti. Das ist ja vielleicht ein ganz gutes Schlusswort.

Freitag, 4. September 2009

Wer ist Werner Herzog?

Lucky Lieutenant - Werner Herzog zieht mit gleich drei Filmen gegen den Rest der Welt und Abel Ferrara wünscht ihn zur Hölle - Venedig Blog, 1. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Das hatte es auch in der Erinnerung sehr erfahrener Besucher der Filmfestspiele von Venedig noch nicht gegeben: Dass ein Regisseur mit gleich zwei Spielfilmen im Wettbewerb um den Goldenen Löwen vertreten ist, und dann noch am gleichen Tag: Doch Werner Herzog hatte schon immer einen Hang zum Skurrilen, und so passte es ganz gut, dass der deutsche Regisseur an diesem Freitag das sonderbare Kunststück schaffte.

Dabei hätte der eine Film eigentlich schon genügt, um Herzog, seit seinen Filmen "Aguirre" und "Fitzcarraldo" der international am stärksten verehrte, lebende deutsche Filmemacher - ja, eindeutig vor Wim Wenders -, fast zehn Jahre nach seinem letzten Spielfilm wieder zurück auf die große Kinobühne zu katapultieren: "The Bad Lieutenant" heißt sein neuer Film - ja, genau, wer jetzt stockt, weil ihm das sonderbar vertraut vorkommt, liegt ganz richtig: Ein Remake des schnell berühmten, aber immer umstrittenen Films des Italoamerikaners Abel Ferrara aus dem Jahr 1992, ein katholisches Drama in ebenso opulenten, wie manierierten Bildern, in dem Harvey Keitel einen korrupten, drogensüchtigen New Yorker Ermittler spielt.

"Nein, auf keinen Fall ein Remake" behauptet Herzog, und stellte sich vor der versammelten Weltpresse in Venedig konsequent dümmer als er ist: "Wer ist denn dieser Abel Ferrara? Ist er ein italienischer Regisseur? Franzose? Ich habe keinen einzigen Film von Ferrara gesehen." Vorausgegangen war der gestrigen Premiere schon in den letzten Wochen ein heftiger und ziemlich bösartiger Schlagabtausch zwischen beiden Regisseuren via Medien: "Ich wünsche diesen Leuten, dass sie in der Hölle sterben" sagte Ferrara, offenkundig wenig amüsiert, "Ich hoffe, sie sitzen alle im gleichen Auto und fliegen in die Luft."

Wer nun Herzogs Film gesehen hat, nimmt ihm die naive Pose keine Sekunde ab - Herzogs Film ist natürlich ein Remake, wenn auch in Atmosphäre und Haltung, auch im Stil völlig anders. So ähnlich sich die Figur ist - bei Herzog gespielt von Nicholas Cage -, und einzelne Szenen, so unterschiedlich ist die Story: Aus Ferraras Reise in den Abgrund macht Herzog eine Erlösungsgeschichte: Sein Lieutenant läutert sich, und kommt mit des Zufalls (oder Gottes?) Hilfe heil von seiner Höllenfahrt zurück - als besserer Mensch. Der Alptraumtrip endet mit einem Happy End, und was anfangs viel europäisches Flair geatmet hatte, endet als ein konventioneller amerikanischer Film – wer hätte ausgerechnet dies von Werner Herzog erwartet? Das ist sympathisch und schön anzusehen. Zugleich bleibt bis nach dem Abspann etwas unklar, warum Herzog eigentlich gerade diese Geschichte erzählt hat.

Zwischendurch entfaltet "The Bad Lieutenant" einige Intensität. Ein post-Katrina-Film, angesiedelt in New Orleans. Es gibt sehr schöne Bilder und Momente: Eine Schlange, die durchs Wasser schlängelt, Leguane in den Wohnungen, ein Zusammenstoß zwischen einem Autor und einem Alligator - das sind Bilder, die im Kopf bleiben. Oder Cage, nach einer Verhaftung: "I love it. I just love it."Überhaupt spielt Cage im Vergleich zu manch anderem Auftritt für seine Verhältnisse zurückhaltend. Aber anfangs dauert es lange, zu lange, bis alles in Fahrt kommt, und gegen Ende zerbricht der Film dann ziemlich in seine Einzelteile.

Nach diesem mit einer so ausgewogenen wie zurückhaltenden Mischung aus leisem Beifall und leisem Buh bedachten Film gab es am späten Abend noch den ersten von zwei "Überraschungsfilmen": "My Son, My Son, what have ye done". Laut deutschem Verleih (Kinowelt) handelt es sich dabei um einen "Thriller über einen mysteriösen Mord und seine Hintergründe". Hauptrollen spielen Michael Shannon (oscarnominiert für seine Nebenrolle in "Revolutionary Road") Willem Dafoe, Chloë Sevigny und Grace Zabriskie. Und David Lynch fungiert als ausführender Produzent. Was von alldem zu halten ist, und wie es sich ansieht, darüber morgen mehr.